Wien - Seit nunmehr zehn Jahren gibt es in Österreich das Gewaltschutzgesetz. Es hat das Ziel, Opfern einen besseren Schutz bieten zu können. Mit einer internationalen ExpertInnentagung in Wien und Niederösterreich (5. bis 7. November) soll nun eine weitere Bilanz gezogen werden. Aufgabe der Tagung sei es, festzustellen, wo Österreich stehe und wie es weitergehen soll, erklärte Rosa Logar, Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, im APA-Gespräch.

Vorbild für Europa

Das heimische Modell habe in Europa großen Anklang gefunden und gelte als Vorbild, beurteilte Logar die Situation grundsätzlich positiv. Man sei sehr stolz auf das Erreichte. "Österreich hat gute Gesetze, aber sie müssen in jedem Fall eingesetzt werden. Österreich hat sehr viele Stärken auf dem Gebiet, aber wir haben auch Schwächen", ergänzte sie kritisch.

Eine davon sei die Einschätzung der Gefährdungslage. Als Beispiel dafür nannte Logar die Verurteilung Österreichs durch das UNO-Frauenrechtskomitee wegen mangelnden Schutzes in zwei Fällen. Dabei gehe es um zwei Frauen, die 2002 und 2003 von ihren Männern ermordet wurde, so die Expertin. Obwohl sie von diesen mehrfach mit dem Umbringen bedroht worden waren, hatte es keine Festnahme gegeben.

Schutz für besonders gefährdete Frauen

Ein wichtiges Thema für die Zukunft sei daher vor allem der Schutz von besonders gefährdeten Frauen, betonte die Interventionsstellen-Leiterin. Die Hälfte der Morde, Tötungsversuche und schweren Gewalttaten im Umfeld von familiärer Gewalt ließe sich verhindern. Das Modell der Wegweisung sei zwar "eine wunderbare Maßnahme für leichte Fälle", allerdings nicht geeignet für sehr gefährliche Täter. Inhaftierung sei dabei oft die einzige Schutzmöglichkeit.

Erhebung von Daten

Ein weiteres Aufgabenfeld für die kommenden Jahre sei die Erhebung von Daten, erklärte Logar die Sicht der Interventionsstellen. Man wisse leider nur relativ wenig, da beispielsweise die gerichtliche Kriminalstatistik keinen Aufschluss über Beziehungstaten zulasse. Dies wäre allerdings notwendig für den Einsatz und die Bewertung von sinnvollen Maßnahmen. Eine koordinierte Politik durch einen mehrjährigen Aktionsplan fehle in Österreich ebenfalls noch.

Sensibilisierungs-Potenzial gebe es auch in den Gesundheitseinrichtungen, erläuterte Logar. Viele Opfer würden als erste Anlaufstelle ein Spital oder einen Arzt wählen, oft unter einem Vorwand oder ohne eine Ursache anzugeben. Hier müsse es eine verstärkte Ansprache der Problematik geben.

Thema der Konferenz sei auch der technische Schutz vor Gewalttätern. So könne zum Beispiel die sofortige Verstärkung einer Eingangstüre einen Mordfall verhindern, da man bis zum Eindringen des Täters einfach mehr Zeit gewinne, meinte Logar. "Auch so etwas kann in einer Akut-Situation ein Leben retten." Weitere Fragen der Expertentagung: Die Situation von Migrantinnen, Prozessbegleitung und das Anti-Stalking-Gesetz. (APA)