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Maier übertraf alle Erwartungen.

Foto: APA/Techt

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Historische Comebacks Österreichischer SportlerInnen.

Graphik: APA

Benno Zelsacher aus Kitzbühel

Es ist ein stiller, trüber Montagmorgen. Nasser Schnee tropft zu Boden. In der Stadt räumen sie die Reste des großen Hahnenkamm-Wochenendes weg. Auf der Streif ist alles hergerichtet für den Nachschlag, den Super-G, der am Freitag hätte stattfinden sollen. Rund 2000 Menschen verlieren sich im Zielgelände auf der Rasmusleitn. Die Schulkinder haben frei bekommen. Das ist schön, sie füllen die Ehrentribüne mit Leben. Im Zielsack stehen jene, die immer dort stehen, die Serviceleute, die Trainer, die Journalisten, also jene, die mit der Emotion sparsam umgehen im täglichen Geschäft.

Hermann Maier, mit der Startnummer 22 ins Rennen gegangen, übernimmt die Führung. Anerkennende Worte. Zunächst fehlen die Worte, nur eines macht die Runde: Unfassbar. Hermann Maier weint. Eine merkwürdige Be-troffenheit breitet sich aus.

Der Super-G endet mit einem fünffachen österreichischen Triumph, Maier siegt vor Christoph Gruber, Stephan Eberharter, Andreas Schifferer, Hans Knauß. Schon weisen die ÖSV- und also für alle Sportler Verantwortlichen darauf hin, und doch murmelt einer nach dem anderen, ungläubige Blicke austauschend, nur was von Wahnsinn und Unpackbarkeit.

"Ich bin übermannt", sagt Hermann Maier, "das ist das Schönste, was mir je passiert ist." Der zweifache Olympiasieger, zweifache Weltmeister, dreifache Gesamtweltcupsieger, vierfache Sportler des Jahres, hat sein 42. Weltcuprennen gewonnen, seinen 17. Super-G. Es ist sein erster Sieg seit 10. März 2001 in Are.

Am 24. August 2001 verunglückte er mit dem Motorrad. Sein rechter Unterschenkel drohte amputiert werden zu müssen. All diese Gedanken schießen ihm bei der Siegerehrung durch den Kopf. Der wichtigste Moment in diesen eineinhalb Jahren? "Dass die Ärzte die richtige Entscheidung getroffen haben."

Im Sommer kehrte er zurück ins Team. Ein Sturz beim Training in Chile, ein schmerzender Unterschenkel, auf dem ein Hautlappen seines linken Oberarms wächst. Verzweiflung. Aufbauarbeit. Unermüdlichkeit am Ergometer. Das war drinnen in Hermann Maier, draußen redeten immer mehr Menschen vom PR-Gag. Im Dezember flog Maier zu Werbeaufnahmen in Südafrika. Anfang Jänner kam er zurück zum Schnee, trainierte mit seinen Kollegen auf der Reiteralm. "Da habe ich bemerkt, dass es bald funktionieren könnte."

Beim Comeback vor 13 Tagen in Adelboden verpasste er als 31. den zweiten Riesentorlaufdurchgang knapp. Dann ging's rasant bergauf. Einem siebten und einem sechsten Abfahrtsplatz folgte der Gipfelsieg. Maier: "Was mir jetzt in Kitzbühel gelungen ist, ist viel mehr wert als der Olympiasieg." Und zwar jener, den er 1998 in Nagano im Super-G schaffte, drei Tage, nachdem er in der Abfahrt den berühmtesten Stern der Skigeschichte gebaut hatte.

Maiers Kollegen zogen gestern die Hüte. Eberharter: "Eine große Leistung, eine Überraschung für alle. Gratuliere." Knauß: "Der große Meister hat uns in die Schranken gewiesen. Gott sei Dank war ich keiner von jenen, die ihn abgeschrieben hatten." Schifferer: "Unglaublich. Ehrlich, ich hätt's nicht geglaubt. Der Bursch muss einen Willen haben. Das soll für alle ein Ansporn sein, wenn man sieht, was alles möglich ist."

Peter Schröcksnadel, ÖSV-Präsident und Maiers persönlicher Manager: "Hermann hat persönlich viel gelernt in dieser schweren Zeit. Das ist ein neuer Maier heute. Die Sponsoren haben nicht immer bekommen, was sie wollten, jetzt bekommen sie ein Vielfaches zurück."

Harti Weirather, Abfahrtsweltmeister 1982, der mit seiner Agentur WWP die Hahnenkammrennen vermarktet: "Der Wahnsinn schlechthin. Ein Traum für den Sport."

Hermann Maier: "Was jetzt kommt, ist Zugabe." Am Samstag wird die WM in St. Moritz eröffnet. Am Sonntag fährt Maier Super-G.

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 28.1. 2003)