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"Gleis 17" in der Holocaust-Gedenkstätte am Berliner Bahnhof Grunewald. Während des Dritten Reichs wurden von hier aus mehr als 50.000 Berliner Juden in Konzentrationslager deportiert.

Foto: REUTERS/Arnd Wiegmann

Weimar/Berlin/Paris/Tallinn - Zum Auftakt der diesjährigen Holocaust-Gedenkfeiern in Deutschland sind am Montag Politiker und Überlebende im früheren Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar zusammengekommen. Zu den Teilnehmern gehörte auch Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertesz. Er wurde 1944 nach Auschwitz deportiert und im April 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit. Am Montag las der 73-Jährige aus dem "Roman eines Schicksallosen" und erinnerte an seine Zeit in Buchenwald. "Ein bisschen möchte ich noch leben", zitierte er aus seinem Buch.

Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel rief bei der Gedenkfeier zu Wachsamkeit vor Extremismus und Fremdenhass auf. "Ein Vergessen darf es nicht geben", sagte er in Buchenwald. "Gefordert ist damals wie heute der Mut zum Widerspruch und die Bereitschaft, schon den Anfängen extremistischer Tendenzen entgegenzutreten."

Thierse: "Politische Vergleiche sind eine Verhöhnung der Opfer"

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat einen bewussteren Umgang mit der Vergangenheit gefordert. "Vergleiche zwischen der NS-Zeit und heute, wie sie sich in der politischen Diskussion in letzter Zeit gehäuft haben, sind deshalb unerträglich, weil sie die Opfer der NS-Diktatur verhöhnen", erklärte der SPD-Politiker am Montag in der Gedenkstunde des Bundestags zum 58. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.

"Wir wollen eine Gesellschaft, die von gegenseitiger Anerkennung, Toleranz und Respekt geprägt ist, eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Abgrenzung, eine Gesellschaft, in der jeder ohne Angst verschieden sein kann", heißt es in Thierses Redemanuskript weiter. Demokratie, Toleranz und Humanität seien aber keine selbstverständlichen Gewissheiten. Sie erforderten fortdauerndes Engagement jedes Einzelnen. Thierse würdigte die Frauen und Männer, die den Bedrohten während der NS-Zeit halfen: "Es waren Menschen, die nicht weggeschaut haben."

Bis heute sei unbegreiflich, wie es möglich sei, dass so viele Menschen während der NS-Zeit die Fähigkeit zu fühlen und mitzufühlen verloren hätten, erklärte Thierse. "Die Aufbegehrenden, die Couragierten, die Widerstand Leistenden, sie waren in der Minderheit." Dass es sie dennoch gegeben habe, zeige, dass Hilfe und Beistand möglich gewesen sei. In diesen Menschen sehe er "unsere ganz besonderen Vorbilder", sagte der Bundestagspräsident.

Jorge Semprun bei Gedenkfeier des Bundestags

Am Nachmittag wollte der Deutsche Bundestag in Berlin der Holocaust-Opfer gedenken. Hauptredner bei der Feier im Parlament ist der frühere spanische Kulturminister und Schriftsteller Jorge Semprun. Auch er gehört zu den Überlebenden des KZ Buchenwald. Der Holocaust-Gedenktag wird in Deutschland seit sieben Jahren begangen. Er erinnert an die Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Jänner 1945.

Erster Gedenktag in Frankreichs Schulen

In Frankreich findet zum ersten Mal in allen Schulen ein "Gedenktag zum Holocaust und zur Vorbeugung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit" statt. Die Einführung dieses Gedenktages war von 48 europäischen Bildungsministern anlässlich einer Versammlung des Europarats in Straßburg beschlossen worden.

Jedem Mitgliedsland des Europarats steht es frei, das Datum des Holocaust-Gedenktages unabhängig festzulegen. Wie Frankreich entschied sich auch Deutschland für den 27. Jänner. Anlässlich dieses Gedenktages soll in allen französischen Grund-, Mittel- und Oberschulen eine Debatte über Holocaust, Genozide und das "absolute Übel" stattfinden, heißt es in einem Rundschreiben der französischen Schulverwaltung vom vergangenen Dezember.

"Gefahr der Banalisierung"

Die Präsidentin der Stiftung für die Erinnerung an die Shoa, Frankreichs Ex-Ministerin Simone Veil, hatte bei der Europarat-Sitzung in Straßburg auf die "Gefahr der Banalisierung der Shoa" hingewiesen und betont, dass man auch künftig an der Übermittlung der Erinnerung arbeiten müsse. Roger Cukierman, Präsident des Rates der jüdischen Institutionen in Frankreich CRIF, kritisierte gegenüber der Tageszeitung "Le Figaro" (Wochenend-Ausgabe), dass der Antisemitismus in gewissen intellektuellen Kreisen in Frankreich "banal" und "politisch korrekt" geworden sei.

"Es gibt eine Befreiung des antisemitischen Wortes. Es wir in gewissen Schulen schwierig, den Holocaust oder die Geschichte der Hebräer zu unterrichten. Und im Falle eines Krieges im Nahen Osten fürchten wir ein neues Aufflammen der Gewalt", sagte Cukierman wörtlich. "Ich glaube, dass ein Klima der Brutalität herrscht, für das wir französische Bürger alle verantwortlich sind", fügte Cukierman hinzu.

Erstmals offizieller Holocaust-Gedenktag in Estland

Estland hat am Montag erstmals in seiner Geschichte einen offiziellen Holocaust-Gedenktag begangen. Auf Initiative der Regierung in Tallinn war die Bevölkerung eingeladen, sich in landesweiten Sonderunterrichtsstunden, Konferenzen und Kulturveranstaltungen über die systematische Ermordung von Juden, Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs zu informieren. Die jüdische Gemeinde in Estland begrüßte den Gedenktag zur Befreiung des Nazi-Konzentrationslagers Auschwitz.

Schleppende Aufarbeitung der SS-Verbrechen

Historiker gehen davon aus, dass in dem baltischen Staat während der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 etwa tausend einheimische und mehrere tausend ausländische Juden systematisch ermordet wurden. Über die mögliche Beteiligung der rund 100.000 estnischen Mitglieder der Waffen-SS besteht Uneinigkeit zwischen Experten. Die schleppende juristische und moralische Aufarbeitung der Verbrechen in Estland ist wiederholt von jüdischen Organisationen hart kritisiert worden.

Das zukünftige EU- und NATO-Mitglied war bis 1991 unfreiwillig Republik der damaligen Sowjetunion. Die freie Beschäftigung mit der eigenen Geschichte war nach Meinung der meisten estnischen Intellektuellen in jener Periode unmöglich.

Das Vernichtungslager Auschwitz, in dem die Nationalsozialisten Schätzungen zufolge etwa 1,5 Millionen Juden sowie Angehörige weiterer Minderheiten systematisch ermordeten, war am 27. Jänner 1945 von sowjetischen Truppen befreit worden. Der Jahrestag wird seit 1996 in der Bundesrepublik als nationaler Gedenktag für die Opfer des NS-Völkermords begangen.(APA/dpa/AP)