"Nocturama": Weniger Schaum mehr Flüssigkeit

Foto: Mute records

Mit seinem Album "Nocturama" gelingt dem 46-jährigen australischen Dunkelmann Nick Cave endlich der nicht mehr erwartete Brückenschlag vom Rollenspiel mit inneren Dämonen zu gelassenem persönlichem Songwriting. Ein Meilenstein in seiner Karriere.


Wien - Eigentlich könnte es sich der Mann im "Themenpark Nick Cave" bis ans Ende seiner Karriere recht gemütlich machen. Immerhin hat der heute 46-jährige Australier vor gut einem Vierteljahrhundert als Brülltier bei The Birthday Party mit völlig entfesseltem Amokrock nicht nur Maßstäbe im Bereich jederzeit zum Offenbarungseid bereiter Ich-AGs gesetzt: "The agony is the ecstasy!"

Auch seine Solokarriere fühlte sich trotz zunehmender Annäherung an vor Kitsch nicht zurückscheuende Altmännerballaden in der Schule von John Cale, Leonard Cohen oder Bob Dylan immer einer Vorgabe verpflichtet: die Verfestigung eines von ihm aus diversen US-Mythen geschaffenen Werkkataloges, gespeist aus dem Alten Testament ebenso wie aus den Romanen eines William Faulkner.

Von From Her To Eternity bis herauf zu den Murder Ballads aus 1996 handelte es sich bei den Rollenspielen eines von inneren Dämonen offensichtlich schwer gebeutelten Künstlers aber zunehmend um reine Routine - oder auch nur um Kalkül. Angesiedelt waren Caves Lieder ja seit jeher zwischen nachtschwarzem Humor und reinem Weltekel. Mit den Songs von The Boatman's Call, entstanden unter den Nachwirkungen einer traumatischen Liebesbeziehung, versuchte er anschließend eine Teufelsaustreibung mithilfe radikal persönlicher Elogen. Ein Unternehmen, das ihn offenbar selbst so erschreckte, dass er bis zum Nachfolger No More Shall We Part aus 2001 erst einmal eine Pause einlegte.

Hier hörte man, wie sich zwischen intimen Bekenntnissen (wie Darker With The Day) und Dienst nach Vorschrift (etwa in Fifteen Feet Of Pure White Snow) ein zunehmend dringlicherer Wunsch bemerkbar machte, der sich nun mit Nocturama erstmals wirklich zu erfüllen scheint.

Die parallel zu Caves Texten zunehmend mutloser gewordene Musik der Bad Seeds sollte endlich von ihrem Ballast und aus dem Klischee alternder Anzugträger mit gebrochenem Herzen befreit werden. Cave selbst sah die Hauptaufgabenstellung nicht nur darin, den Produktionsprozess zu beschleunigen. Songskizzen und nicht vorher feststehende, einengende Arrangements sollten der Leitfaden fürs Studio werden.

Dieser Abspeckung verdankt sich auch, dass die Einspielung von Nocturama nur eine Woche in Anspruch nahm. Cave wollte sich selbst "aus den Liedern heraus schreiben", sie "universeller" werden lassen. Dass damit verbunden natürlich ein persönlicherer Zugang jenseits von Betroffenheitslyrik herauskommt, dürfte auch klar sein. Wenn ein Künstler glaubt, nichts von sich preiszugeben, wird das Ganze gleich ungemein ehrlicher.

Alter Schwerenöter

Die eigentliche thematische Achse zieht Nick Cave jetzt auf Nocturama zwischen den Songs Wonderful Life und Dead Man In My Bed. In Letzterem reflektiert er aus der Sicht einer verhärmten Hausfrau über alte Beziehungen. Mögen diese nun vor dem Traualtar oder auf der Bühne mit den Bad Seeds geschlossen worden sein: "He used to be so good to me, but now he smells so fucking bad."

In Ersterem hantiert Cave als alter Schwerenöter geschickt mit auf den Kopf gestellten Schablonen alter Liebeslyrik: "We can build our dungeons in the air and sit and cry the blues. We can stomp across the world with nails hammered through our shoes . . . We got nothing much to lose but this wonderful life!" Und er wird gerade dadurch "wahrhaftig".

Dazwischen wimmern, flehen, toben und rasen die wie seit Jahren nicht beseelten Bad Seeds als Stammbegleiter durch orgelgestützte Rocker wie Bring It On oder wird die abgefeimte Liebeserklärung eines Toten an seine Frau (Still In Love) ebenso serviert wie das banale Bekenntnis He Wants You.

Nachdem der Rock Of Gibraltar und der Einfluss von deutschem Country-Schlager nur mühsam umschifft worden sind, lässt am Ende in der wüsten fünfzehnminütigen Abschlussorgie Babe, I'm On Fire allerdings doch der Fliegende Holländer auf der Suche nach der Erlösung durch ein liebendes Weib ein wenig das Zumpferl heraushängen. Bei aller Liebe: Der Teufel steckt dann nicht nur im Detail! (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2003)