Wien - "Krieg und Frieden": Ja, selten bewies ein Motto der Resonanzen derartige Aktualität wie das diesjährige. Realiter überlegt US-Präsident Bush gerade hin und her, ob und wann er losschlagen lassen soll gegen Saddam Hussein, auf fiktionalem Terrain bekriegt sich der Captain der USS Enterprise mit seinem Alter Ego in Böse, dem Picard-Klon Shinzon.

In einer der wenigen eindrücklichen Szenen des Films lässt Picard die Enterprise mit der allerletzten, aus irgendwelchen Reservesystemen umgeleiteten Restenergie frontal in das Schiff seines Widerparts reinschrammen, die beiden Flugkörper sind daraufhin ineinander verhakt wie Boxer im Clinch.

Nemesis (heißt: Rache) thematisiert "Krieg und Frieden" auf drei Ebenen gleichzeitig: zwischen zwei Staatskörpern, zwischen zwei Menschen und auch zwischen zwei widersprüchlichen Seelenteilen eines Menschen. Selbiges tun natürlich auch die Resonanzen. In Claudio Monteverdis Combattimento di Tancredi e Clorinda etwa - das Kingsize-Madrigal illustriert mit musikalischen Mitteln eine Episode aus Torquato Tassos Versepos La Gerusalemme liberata - wird erst einmal das Thema Kreuzzug abgehandelt, der ewige Clinch Morgenland - Abendland also, hochaktuell (siehe oben).

Auf personaler Ebene geht's dann um den knallharten Um-Leben-oder-Tod-Kampf von (Kreuzritter) Tankred und der ihn eigentlich liebenden (Heidin, Amazone) Clorinda. Mal reinhören? "Schande stachelt den Ärger zur Rache an, und Rache erneuert das Gefühl der Schande; sodass zu dem Wunsch, stets zu verwunden, stets zu eilen, ein neuer Ansporn, ein neuer Grund hinzukommt." Nemesis.

Das im "concitato genere", im "aufgeregten Stil" gehaltene Werk veranschaulicht in komprimierter Form die revolutionären Neuerungen des Musikdramatikers Monteverdi: Vermittels pointierter Rhythmik, wilder Skalenläufe und hoch erregter Tremoli, einer flexiblen, gefühlsechten Harmonik und einer einschmeichelnden Melodik gelingt Monteverdi eine virtuose, reiche, anschauliche Affektdarstellung.

Und das gelang natürlich auch Jordi Savall und den Seinen im Konzerthaus. Das 1941 gebürtige Ehrenmitglied des Veranstalterhauses bot bei Monteverdi, wie auch bei den weiteren, Krieg und Liebe thematisierenden Piecen von Schein, Scheidt, Falconieri, Händel & Co, atmende, seufzende, singende und springende Barock- und Klassikmusiken vom Feinsten, wenn die musikalische Unternehmung auch manchmal einen Stich ins Sterile, Anämische, Hochglanzkünstliche hatte.

Der Sonntag verlor zudem etwas gegenüber dem Freitag - eine Tonadilla von Espinosa und eine Art "Feierwerksmusik" von De Laserna erwiesen sich als neusiedlerseeseicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2003)