Es gibt Menschen, welchen ihre friedvolle Weltsicht bereits ins Antlitz geschrieben ist. Von ihnen sind in Bagdad von Tag zu Tag mehr zu sehen. Ted und Greg gehören dazu und Jürgen auch. Alle sind sie Mitglieder der Gruppe "Stimmen in der Wildnis". Diese amerikanische Friedensorganisation schickt seit Monaten Mitglieder nach Bagdad, um der Politik des eigenen Landes ein Gegengewicht zu setzen.

Man trifft diese Friedensaktivisten fast immer im Hotel "Fanar" an der Abu-Nawas-Straße, die sich kilometerweit am Tigris entlangschlängelt. Ted Sexauer kommt aus dem kleinen Ort Somoma nördlich von San Francisco. Er wiederum ist auch Mitglied der amerikanischen Organisation "Veteranen für den Frieden". Die viertausend Mitglieder zählende Gruppe habe, wie Ted Sexauer sagt, aus den Grauen des Krieges die Lehre gezogen, dass man internationale Konflikte nur mit friedlichen Mitteln lösen solle - auch den Zwist zwischen den USA und dem Irak. Ted Sexauer weiß, wovon er spricht. Eigentlich wollte er Offizier werden, doch die Proteste gegen den Vietnamkrieg belehrten ihn eines Besseren. Er ließ sich in der Armee zum Mediziner ausbilden - und wurde dennoch zweimal, 1969 und 1970, nach Vietnam geschickt. Dort sah er seine Freunde sterben. Und dort überredete er einen seiner Kommandeure, nicht nur an Krieg zu denken, sondern in entlegenen vietnamesischen Dörfern kleine Krankenstationen für die Einheimischen einzurichten.

Der heute 56-jährige, grauhaarige Mann hat seine Weltanschauung auf sein blaues T-Shirt geprägt: "Zeugen für den Frieden" steht da in weißen Buchstaben geschrieben. Frieden mit dem Irak? Die Iraker, sagt er, seien "unglaublich freundliche Menschen". Eigentlich wollte er so lange wie möglich in Bagdad bleiben - auch im kommenden Krieg. Doch seiner Freundin in Amerika habe er versprochen, nach zwei Wochen zurückzukommen.

Zwei Wochen Urlaub

Auch Greg Cicciu muss bald zurück. Greg Cicciu ist jüdischer Abstammung, buddhistischen Glaubens und betreibt in Denver mit seiner Frau ein Geschäft für chinesische Medizin. Als Zeichen seiner Religionszugehörigkeit hat sich Cicciu den Kopf kahl geschoren. Zwei Wochen nahm er sich frei, um in Bagdad für den Frieden zu demonstrieren. "Wir müssen verhindern, dass in diesem Land noch mehr Kinder, noch mehr Erwachsene sterben", sagt er. Es ist das erste Mal, dass der Mittzwanziger überhaupt die USA verlässt. Die erste Auslandsreise ausgerechnet in den Irak Saddam Husseins? "Es war viel weniger aufregend, als ich gedacht hatte", berichtet Cicciu. Durch die amerikanische Propaganda habe man ein total falsches Bild vom Irak. Nicht alle 23 Millionen Iraker seien Ebenbilder Saddam Husseins.

Und dann ist da noch Jürgen Hahnel, Gärtner und Lkw-Fahrer aus Tübingen, eingereist mit Konstantin Wecker, dem Sänger, und dann irgendwie hängen geblieben. Ob Friedensaktivisten wie er oder Ted und Greg nicht das Regime stützen? Nein, meint Hahnel: "Wenn hier Vertreter der Wirtschaft Geschäfte machen, werden sie auch nicht gefragt, ob sie Saddam Hussein stützen." (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2002)