Wolfgang Schüssel setzt lieber auf Qualität statt auf Tempo. Daher sondiert er erneut mit der FPÖ. Bereits dieser Umstand mag als absurd und widersprüchlich angesehen werden. Mit der FPÖ wird nicht viel mehr als ein brüchiges Bündnis herauskommen, in dem zwar die ÖVP den Ton angeben kann, die FPÖ es aber in der Hand hat, das Koalitionsboot jederzeit zum Kentern bringen zu können.

Die zweite Runde der Sondierungsgespräche mit der FPÖ stößt nicht nur die SPÖ vor den Kopf, sie stellt auch die Geduld der Bürger auf die Probe. Schüssel hat zwar den Auftrag zur Regierungsbildung, daher kann er reden, mit wem er will. Aber kann er das auch, solange er will? Langsam stellt sich der Verdacht ein, der ÖVP-Chef lege es mehr auf das Taktieren an. Je länger es dauert, je mehr die Gespräche mit verschiedenen Parteien ineinander verschränkt werden, desto leichter kann er da und dort Zugeständnisse herausholen.

Die FPÖ nimmt es gerne hin, denn damit sind ihre Chancen, doch noch einmal in die Regierung zu rutschen, gestiegen. Und die Richtungsstreitigkeiten in der Partei werden erst einmal überdeckt. Jörg Haider hat derzeit ohnedies anderes zu tun - er muss darauf achten, die im März anstehenden Gemeinderatswahlen in Kärnten für die FPÖ einigermaßen glimpflich über die Bühne zu bringen und sich nicht weiter zu beschädigen.

Den Sozialdemokraten bleibt nichts anderes übrig, als sich in Schüssels Zeitplan zu fügen. Zähneknirschend muss die SPÖ abwarten, wie erst noch mit der FPÖ, dann ein bisschen mit den Grünen sondiert wird, ehe es zu Verhandlungen kommt. Verhandeln wird die SPÖ. Sonst würde sie sich allzu leicht den schwarzen Peter zuschieben lassen. Blöd nur, dass die ÖVP die gleiche Taktik, aber deutlich mehr Karten in der Hand hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2003)