Wien - Das leidvolle Leben des irakischen Volkes unter den Entbehrungen des UNO-Embargos hat der chaldäisch-katholische Erzbischof von Basra, Gabriel Kassab, Montag Abend in Wien geschildert. Sanktionen stellten eine ausgeklügelte Methode dar, "um Menschen langsam zum Tode zu führen", klagte der Kirchenführer. Für die IrakerInnen sei der zweite Golfkrieg noch nicht zu Ende: "Durch die Sanktionen leiden wir schon zwölf Jahre daran."

In seinem Vortrag im Rahmen eines Symposiums zum Thema "Situation der Christen im Irak", berichtete der Erzbischof vor allem über die bedrohte Existenz von Kindern, Jugendlichen und Frauen sowie über die medizinische und schulische Misere. "Wegen des Embargos ist das Leben zum Stillstand gekommen." Körperliche und geistige Behinderung von Kindern sei eine Folge davon, Krankheiten und Epidemien stiegen rapide an.

Der durch das Embargo bedingte Medikamentenmangel hat laut Kassab fatale Folgen. Medizinische Hilfeleistung werde immer schwieriger, Operationen würden ohne Anästhesie durchgeführt. Die ÄrztInnen seien mit Krankheiten konfrontiert, die sie nicht kennen, geschweige denn die dafür nötigen Heilmethoden. Der Mangel an Blutkonserven bedingte viele Todesfälle. Zum Vergleich: Blutkonserven kosten 35 US-Dollar, was vier Monatsgehältern eines Angestellten entspricht.

Fehlgeburten durch chemische Waffen

"Miserabel" ist nach den Worten des Erzbischofs auch die Lage in den Schulen. Stromsperren lösten Fabriksschließungen aus und behinderten das Schulwesen. Viele Kinder gingen arbeiten, um zum Unterhalt ihrer Familien beizutragen. In den Schulen dienten Kisten als Pulte und Sitze. In großem Umfang werde psychologische Hilfe benötigt. Viele Menschen litten an Stress und Albträumen, wegen der Aussicht auf einen neuen Krieg und der tristen Arbeitsmarktlage. Schwangere Frauen erlebten oft Fehlgeburten - ohne Zweifel eine Folge der im Golfkrieg eingesetzten chemischen Waffen.

Angesichts des drohenden Krieges, den die USA gegen den Irak führen wollen, hatte der Kirchenführer im November 2002 einen dringlichen Appell an die Staatengemeinschaft gerichtet, das UNO-Embargo aufzuheben; "Wir, die schuldlosen Menschen, bitten Sie inständig, sich bei den Regierungsverantwortlichen dafür einzusetzen, dass das Embargo aufgehoben wird." Kassab stammt aus Mossul im Nordirak. Er war seit 1966 30 Jahre lang als Priester in Bagdad tätig, bevor er auf den Bischofsstuhl der südirakischen Stadt Basra berufen wurde. (APA)