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Wien - "Als ich 1993 mit meiner Arbeit begann, existierten misshandelte Frauen in der russischen Gesellschaft nicht. Es war ein totales Tabu. Wenn eine Frau darüber sprach, hieß es: Sie hat es verdient, sie hat als Mutter und Frau versagt. Als Frau ist sie verantwortlich für die emotionale Atmosphäre in der Familie." Marina

Pisklakowa leitet seit zehn Jahren die "Vereinigung Nein zur Gewalt", im Russischen zu "Anna" abgekürzt. Ebenso lange arbeitet "Anna" mit der österreichischen Caritas zusammen.

Derzeit läuft in Wien das dritte, von der EU finanzierte Ausbildungsprogramm für Mitarbeiterinnen in den mittlerweile rund 40 Krisenzentren, die sich in ganz Russland misshandelter und/oder missbrauchter Frauen annehmen. In der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie wird daneben ein den russischen Verhältnissen angepasstes Trainingsmodell für Mitarbeiterinnen entwickelt. Österreichs Gewaltschutzgesetz, das die so genannte Wegweisung von männlichen - oder weiblichen - Gewalttätern aus der Familie vorsieht, gilt dabei als Vorbild.

Keine Frühintervention

Ein Vorbild, von dem man in Russland allerdings noch weit entfernt ist. "Es gibt bei uns keine frühe Intervention gegen Gewalt in der Familie", sagt Pisklakowa im Gespräch mit dem Standard. "Misshandelte Frauen müssen zum Friedensrichter gehen, und der entscheidet, ob ein Straf- oder ein Zivilverfahren eingeleitet wird."

"Er schlägt dich, also liebt er dich"

Es sei in Russland ein gängiger Mythos, dass die familiäre Gewalt von den Frauen toleriert werde, meint Marina Pisklakowa. Eine der Wurzeln liege wohl in den "domostroi", Verhaltensregeln aus dem 16. Jahrhundert, als die Frau explizit Besitz des Mannes war. Letzter Punkt der Regeln: Nachdem du sie gezüchtigt hast, zeige ihr, dass du sie liebst. Pisklakowa: "Seither heißt es bei uns: Er schlägt dich, also liebt er dich."

Daran habe sich auch in der Sowjetunion, als die Frauen offiziell gleichberechtigt waren, wenig geändert. "Ich kenne den Fall einer Frau, die

26 Jahre lang über die Misshandlungen durch ihren Mann, einen hohen Parteifunktionär, schwieg und nach außen den Schein einer glücklichen Ehe wahrte."

Jährlicher Lagebericht

Nachdem Russland der Konvention über die Beseitigung jeder Form der Diskriminierung von Frauen (CEDAW) beigetreten ist, muss es jährlich einen Lagebericht veröffentlichen. Dem offiziellen Report 2002 zufolge werden in Russland jährlich 14.000 Frauen von ihren Ehemännern oder Partnern getötet, durchschnittlich 38 pro Tag.

Inzwischen arbeitet "Anna" mit dem Sozial- und dem Innenministerium zusammen, um die Verhältnisse zu bessern. In der Regierung wurde eine Arbeitsgruppe gegen familiäre Gewalt und Frauenhandel eingerichtet. Am dringlichsten sei jetzt ein Gesetz zur Frühintervention, sagt Pisklakowa. Aber eine entsprechende Vorlage werde es wohl erst nach den Parlamentswahlen im kommenden Dezember geben. "Zumindest haben wir in diesen zehn Jahren einen Bewusstseinswandel erreicht. Heute ist Gewalt gegen Frauen kein Tabuthema mehr." (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2003)