Nicht nur Theaterhäuser wie der Wiener Rabenhof entdecken die Angst vor dem Krieg als massenkulturellen Programmfaktor: Auch ein Buch über den "Krieg als Massenkultur" zeigt, wie die westliche Welt ihre Sicherheitsbedürfnisse inszeniert.

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Wien - Die anzügliche Rede von "Schurkenstaaten", denen die freie Welt wachsam und, wenn nötig, auch militärisch entgegentreten müsse, taugt wenigstens auf Bezirksebene zum (mäßig) pfiffigen Abrüstungsklamauk.

Der Wiener Rabenhof, dem man nicht nachsagen kann, er lasse es an Geistesgegenwärtigkeit fehlen, eröffnete seine Reihe "Schurkenstaaten zu Gast" mit einem dreistündigen Irak-Abend. Mit kläglichen Dias von babylonischen Ausgrabungsstätten, dem unvermeidlichen Jörg-Haider-Imitator und dem wippenden Bauchnabel einer Tänzerin lieferte ein buntes Team aus Sicherheitsexperten und Berufskomikern ein landeskundliches Spaßelaborat ab.

Die schleichende Angst vor dem nahenden Krieg heischt sozusagen eine letzte Lockerung. Wer das Schwirren der Marschflugkörper getrost erwarten kann, der darf anhand der augenfälligen Lächerlichkeit eines schnauzbärtigen Despoten die Geringfügigkeit der weltpolitischen Bedrohung noch einmal am eigenen Leib verspüren.

Noch in der Witzelei, die aus den dümmsten Klischees, die über den Irak kursieren, das Bild einer rückständigen Operetten-Despotie fertigt, die vielleicht ein paar Oppositionelle köpft, aber ansonsten keiner Fliege etwas zuleide tut, liegt der Hund tiefer begraben. Denn auch die Rabenhof-Show macht uns glauben, es bestehe in Wahrheit kein Grund zur Verunsicherung. "Sicherheit" lautet aber das Zauberwort in einer globalen Wettbewerbsgesellschaft, die den ernstesten Anlass zu ihren Sorgen zuverlässig an ihrer Peripherie, diesmal eben im Irak, entdeckt.

Aus dem legitimen Sicherheitsbedürfnis einer Weltfriedenskultur ist im politischen Zusammenhang ein neues "Supergrundrecht" entstanden, wie die beiden Kulturwissenschafter Tom Holert und Mark Terkessidis in ihrem Essayband Entsichert - Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert ausführen.

Für das Produkt Sicherheit existiert in den liberaldemokratischen Mediengesellschaften mit hohem Erregungsfaktor ein regelrechter Markt. Holert/Terkessidis: "Für den ,Angstmarkt‘ und seine ,Angsthändler‘ (fear mongers), die die Nachfrage nach der Ware Sicherheit bedienen, werden systematisch gewinnbringende Alarmstimmungen produziert."

Regierungen, aber auch legitime Schlichtungsinstanzen wie die UNO werden verstärkt daran gemessen, ob sie das Produkt "Sicherheit" auch wirklich zuverlässig an den Endverbraucher bringen. Dabei entspricht die Allgegenwärtigkeit der Angst keinesfalls dem Bild einer realen Bedrohung. Einzig das "Empfin 5. Spalte den" schafft Raum für den Wunsch nach Prävention.

Angst und Verunsicherung nisten vornehmlich in den Köpfen der Modernisierungsverlierer - jener Massen, die in den anonymen Milieus der Städte an Vereinzelung leiden und sich nur noch massenmedial als Subjekt erfahren. "Ambiente Angst", so der Kulturtheoretiker Brian Massumi, sei ein vazierendes Phantom. Sie grollt in den Eingeweiden der Verdrängungsgesellschaft. Gelegentlich schießt ein Schüler mit Schnellfeuerwaffen auf seine Lehrer. Dann trägt "Gleichgültigkeit" daran die Schuld.

Kulturell entscheidender aber sind die Zeichen einer neuen Militarisierung. Längst verkaufen sich westliche Berufsarmeen, auch zunächst scheel beäugte wie die Deutsche Bundeswehr, als internationale Sicherheitsagenturen mit Wohlfühlfaktor.

Die US-Kräfte in Bosnien unterhalten eigene Märkte mit Merchandisingprodukten, darunter knallig bunten T-Shirts. Im Gefolge der Soldateska ziehen friedenssichernde Organisationen mit, die sich in bergigem Gelände und in teuren allradgetriebenen Jeeps "out of area" am "nation building" beteiligen.

Immer vorsätzlicher werden die Grenzen zwischen Kriegshandwerk und Aufbauarbeit verwischt. Und über allem steht als Leitbild das Individuum der Massenkultur: Entscheidungsfreudig, dabei teamfähig, mit Lust am Kick, den ihm die Gefahr bereitet. Rambo, der Einzelkämpfer, kehrt wieder - als gut durchtrainiertes Ego der Wettbewerbsgesellschaft, befriedet und pazifiziert.

Für die krisengeschüttelten Katastrophengebiete wirft dieser Export von Sicherheit oft nur Almosen ab. Erst ganz zuunterst steht auf der Skala der Möglichkeiten das ehrwürdigste Mittel des alten Europa: ausgleichende Politik. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2003)