Graz - Dem eckigen Logo von Europas Kulturhauptstadt, das unter anderem auf eckigen, grün-blauen Heißluftballons den Himmel definiert, setzt man Blasen entgegen. Sie entweichen zur Decke am Bahnhof, thronen inselhaft in der Mur und entsteigen dem künftigen Kunsthaus.

Diese Bemühungen zur partiellen Vertuschung des rechten Winkels werden klar, wenn man Hans-Peter Feldmanns Fotos unter die Lupe nimmt. 370 knallharte, in den Räumen von Camera Austria auf mausgrauem Karton gereihte Schwarz-Weiß-Aufnahmen in Postkartengröße, die die Wahrheit über Graz offenbaren. Graz ist auch nur ein Vorort von Moskau, möchte man da meinen - schicke Prestige-Architektur, ade. Statt Graz könnte auch Wels oder Klagenfurt stehen.

Die Bilder offenbaren die Tristesse von leeren Fußgängerzonen, von völlig aus- tauschbaren Peripherie-Kauf- märkten, von Abstandsgrün, Schilderwäldern und Parkzonen. Die im Jänner und Juni 2002 entstandenen Fotos schoss der deutsche Fotograf quasi nebenbei: "Ich bin eine Kamera mit weit geöffnetem Verschluss - ganz passiv, nehme auf, denke nicht." Feldmann, der oft mit gefundenem Material arbeitet, nahm das Zitat von Christoph Isherwood als Motto für sein Künstlerbuch.

Zwei Versionen

Damit die Kirche quasi im Dorf bleibt, wurde als Umschlagmotiv der österreichischen Ausgabe ein Foto des Grazer Hauptplatzes samt Uhrturm gewählt. Die internationale Version ist ein wenig "ehrlicher". Vielleicht sind diese Fotos auch erschütternde Beweise für das jüngste Wahlergebnis. Bis 28. 2.

Angesichts dieser Aufnahmen will so manch einer von Graz weg. EX Graz. Aus Graz - von Graz aus versammelt im Kulturzentrum bei den Minoriten, im Priesterseminar und in der Galerie CC eine Auswahl jener Künstler, die von Graz aus die restliche Kunstwelt zu erobern trachten. Thematisch ist alles vorhanden, obwohl sie, den kirchlichen Ausstellungsorten adäquat, ein wenig Richtung Religion und Spirituelles gehen.

Lifestyle-Jesus

Es muss ja nicht immer so plakativ sein wie Christoph Schmiedbergers kitschiges Jesus-Gemälde Love me!, eine vorsichtige Pierre-&-Gilles-Paraphrase. Mit den offenbar in seiner Lieblingsfarbe Pink getönten oder schwarz-weißen Zeichnungen, von Fotos kopiert und ganz im Sinne der überhöhten Lifestyle-Ästhetik, ist er äußerst modisch-schick. Und Punkt.

Diese Art beherrschen Muntean/Rosenblum seit geraumer Zeit schon trendsettend gut und souverän. Im anspielungsreichen 360-Grad-Video- loop geht Pathos mit Ironie einher. Ein wahrlich "überlokaler Schritt", wie der Folder zur Ausstellung bemerkt. Kin- disch-witzig kämpfen Gut und Böse bei G.R.A.M. gegeneinander: eine Alien-Puppe, gefilmt im Clinch mit einer Plastik-Nonne. Herbert Friedl hinterlässt gänzlich weiße Wände, das Kratzen daran setzt Duftstoffe frei.

Den wohl gemeinsten Beitrag liefert Gustav Troger mit dem Plakat "Künstler helfen Künstlern", worauf steht: "Ich, Wolfgang Lorenz (Programmchef von Graz 2003; Anm.), suche ab 2004 eine Galerie in Wien für meine Bilder. Bin im Büro 2003." Bis 8. 2.

Die Maroni am Standl sind jedenfalls konsequent rundlich. Verkauft werden sie in Stanitzeln mit dem Aufdruck "GRAZ", in länglichen Vierecken gerahmt. Ob das mit Graz 2003 zu tun habe? Nix wissen. (Doris Krumpl/DER STANDARD, Printausgabe, 29.01.2003)