Bonn - An der Universität Bonn ist ein Lehrstuhl nach ihr benannt, im pakistanischen Lahore ein Boulevard: Die vielfach ausgezeichnete und umstrittene deutsche Orientalistin Annemarie Schimmel starb Montag im 81. Lebensjahr. Der Zentralrat der Muslime würdigte sie als einen Menschen, der "Brücken zwischen der Welt des Islam und der westlichen Welt geschlagen" hatte.

Annemarie Schimmel hat die gesellschaftliche Diskussion über und den Dialog mit dem Islam nachhaltig beeinflusst, dabei auch polarisiert.

Epizentrum

Das Epizentrum ihrer Langzeitwirkung liegt im Jahr 1995, als ihr der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Dieser Würdigung war ein Streit über ihr "Ver-ständnis" für das Verdikt des iranischen Ayatollah Khomeini vorausgegangen, demzufolge jeder Muslim das Recht habe, den Schriftsteller Salman Rushdie zu töten: Schimmel hatte gemeint, der Autor der Satanischen Verse habe "auf eine sehr üble Art die Gefühle von Millionen Muslimen verletzt". Ihre Gegner warfen ihr unkritische Parteinahme vor.

In der Begründung für die Vergabe des Friedenspreises hieß es jedoch: "Inmitten erschreckender Signale des religiösen Fanatismus" sei die Auszeichnung ein "Zeichen für die Begegnung, nicht für die Konfrontation der Kulturen, ein Zeichen für Duldung, Poesie und Denkkultur, welche die Formen des Andersseins achtet".

Über hundert Publikationen

Für die sprachtalentierte Wissenschafterin, die sich seit ihrem 15. Lebensjahr mit dem Islam befasste, war dieser stets die "am meisten angegriffene und missverstandene aller Religionen". Mindestens 60 ihrer mehr als 100 Publikationen beschäftigen sich fast ausschließlich mit islamischer Mystik und Dichtung. Im Vordergrund steht dabei das Streben nach der persönlichen Gotteserfahrung, der ultimativen Erleuchtung, die den Auserwählten, nicht der Masse zuteil werden könne.

Geboren wurde Schimmel 1922 in Erfurt. 1941 promovierte sie, nahm einen Job im Außenamt der Nationalsozialisten an. Nach ihrer Habilitation 1946 in Marburg folgen Lehraufträge in Ankara, Bonn und Cambridge. Im Alter wurde ihr Pakistan zur zweiten Heimat. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2003)