In der öffentlichen Debatte um die Reproduktionsmedizin geht es einmal mehr um Fortschritt und Selbstbestimmung versus Verbote und Bevormundung. Ich habe ihn schon vermisst, den Kommentar einer freien Journalistin, die gerne auf die einhaut, die für sie nach "übellaunigem" Feminismus riechen.

Bevormundung sei es, die Segnungen der Reproduktionsmedizin in Frage zu stellen. Frauen könnten in diesem Bereich ebenso wie sonst im Leben Konsequenzen abschätzen und Entscheidungen treffen. Als eine sehr verlockende Option für wohlgemerkt viele Frauen preist sie an: "Karriere machen bis Mitte/Ende vierzig, danach mit beruflich befriedigten Ambitionen eine Laufbahn als Mutter beginnen."

Mythenbildung

Ich bin normalerweise ganz guter Dinge. Ein Anflug von Übellaunigkeit ergreift mich allerdings, wenn in den Medien ein "Kaiserschnitt light" angepriesen wird, ohne auf die Risiken einzugehen, oder wenn im STANDARD wieder einmal eine Lanze gebrochen wird für späte Mutterschaft aus dem Labor.

Vor einer Woche wurden die aktuellen Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in Österreich veröffentlicht, die bitteschön nicht nur auf die Tatsache zurückzuführen sind, dass Frauen Kinder kriegen. Weibliche Lehrlinge, unter denen Mütter eher selten anzutreffen sind, verdienten jährlich 1000 Euro weniger als Burschen. Arbeiter kamen fast auf das doppelte Einkommen von Arbeiterinnen. Bei den Selbstständigen waren die Einkommensunterschiede besonders krass. Universitätsprofessorinnen machen gerade mal ein paar Prozente gegenüber dem männlichen Gros aus.

"Am Kindersegen liegt es nicht"

Am Kindersegen können die schlechten Aufstiegschancen von Frauen im Wissenschaftsbetrieb und der Wirtschaft kaum liegen. 40% der Frauen mit Hochschulabschluss haben nämlich keine Kinder. So stellt sich das Karrieremachen als Mythos heraus - von einigen erfreulichen Ausnahmen abgesehen.

Ebenso ein Mythos ist das selbstbestimmte Wunschkind aus der Retorte zum richtigen Zeitpunkt. Das Betreten einer Kinderwunschordination ist für die meisten Frauen der einzige selbstbestimmte Akt bei der ganzen Prozedur. Dann beginnt ein Glücksspiel mit hohem Einsatz - sowohl körperlich wegen Hormonbehandlungen mit diversen Nebenwirkungen und der damit verbundenen oft durchaus schmerzhaften Eingriffe, als auch finanziell und psychisch.

Stressige Zeit

Für Paarbeziehungen beginnt eine stressige Zeit. Es kann schwierig werden, die beruflichen Anforderungen mit der zeitaufwändigen Behandlung in Einklang zu bringen. Oder soll die beruflich befriedigte Mutter in spe gleich ihren Arbeitsplatz einer willigen kinderlosen Karrieristin räumen?

Auch die Kontrolle der Fruchtbarkeit per Reproduktionsmedizin ist eine Illusion. "Wunschbabys" kommen nicht auf Bestellung und Beschluss, auch wenn sie mit verlockenden großformatigen Plakaten, Websites oder Hochglanzbroschüren beworben werden.

Abbruch

Oft muss eine Behandlung schon vor der Eizellentnahme zum Beispiel wegen ungenügender Reifung der Eibläschen oder Überstimulation abgebrochen werden. Es kann sein, dass es nach der Eizellgewinnung nicht zum Wiedereinsetzen in die Gebärmutter kommt, weil die Eizellen von den Spermien nicht befruchtet wurden, die kryokonservierten Embryonen den Auftauprozess nicht überlebten oder einen schlechten Zustand aufwiesen. Die Wahrscheinlichkeit für eine klinische Schwangerschaft beträgt pro Zyklus höchstens 25-30%. Jede fünfte Schwangerschaft endet wiederum mit einer Fehlgeburt. All das bedeutet körperliche Belastung, Anspannung, Angst vor einem Fehlversuch und Verzweiflung, wenn sich die Menstruationsblutung einstellt oder nach einigen Wochen die gute Hoffnung jäh endet.

Dazu kommt: Die Chance für eine Lebendgeburt liegt bei 10 bis 20 Prozent pro Behandlungszyklus, die Frühgeburtenrate nach künstlicher Befruchtung bei über 20%. Und vor kurzem wurde in der Fachpresse eine Studie veröffentlicht, wonach Kinder nach künstlicher Befruchtung häufiger seltene Krankheiten entwickeln als "normal" gezeugte Kinder.

Selbsttäuschung

Jedenfalls bleibt fast die Hälfte der behandelten Paare auch nach jahrelangen Versuchen ohne Kind. Wenn eine Dame aber das Einsetzen der Menopause wie ein "drohendes Fallbeil" (!) über der Lebensplanung von Frauen schweben sieht, wird sie die relativ niedrigen Erfolgsaussichten der Reproduktionsmedizin und die möglichen Langzeitfolgen natürlich gerne verleugnen. Die vergleichsweise niedrig dosierten Hormone, mit denen Millionen von Frauen behandelt wurden, haben sich jedenfalls als krebsfördernd herausgestellt. Gesünder und lustvoller ist allemal das Kindermachen im eigenen Bett zu einer Zeit, in der der weibliche Körper dafür bereit ist, mit einer reellen Option auf beruflichen Erfolg und Kinder. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2003)