18 Mandate gewann Sharons Likud bei den Wahlen, die der Großteil der Israelis nicht wollte - dazu, aber der Sieg reicht nicht aus, um in Israel stabile Verhältnisse zu schaffen. Die schwer geschlagene Arbeiterpartei will nicht in eine neue Koalition.

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Massive Wählerströme zur konservativen Likud-Partei und ins Zentrum, ein Einbruch für die Linke und für die religiöse Shass-Partei - die Wahlen am Dienstag haben die Karten im israelischen Parlament frisch gemischt und doch keine klaren Verhältnisse geschaffen, viele prophezeiten baldige abermalige Wahlen. Der Sieg des amtierenden Premiers Ariel Sharon fiel am Ende noch deutlicher aus, als es die erste Hochrechnung angezeigt hatte. Sein Likud hat sich von 19 auf 37 Mandate nahezu verdoppelt, während die Arbeiterpartei von 26 auf 19 Sitze abrutschte. Die kleine Linksunion Meretz, die als Vertretung der Friedensbewegungen in der Knesset gilt, erhielt mit dem Rückfall von zehn auf sechs Mandate eine derartige Ohrfeige, dass ihr langjähriger Vorsitzender Yossi Sarid noch in der Wahlnacht seinen Rücktritt ankündigte.

Partei der Nichtwähler

Die Stimmen, die links fehlten, sammelten sich zum Großteil in der Zentrumspartei Shinui des 71-jährigen Ex-journalisten Tommy Lapid, der plötzlich zu einem Schwergewicht der israelischen Politik geworden ist. Bezeichnend für das allgemeine Desinteresse war indessen, dass sich als größte Partei letztlich jene der Nichtwähler entpuppte - die Wahlbeteiligung war mit 68 Prozent die schwächste in der Geschichte des Landes. In einer Halle auf dem Ausstellungsgelände von Tel Aviv tanzten die Likud-Anhänger, doch der bald 75-jährige Sharon meinte, dies seien keine Zeiten zum Feiern, und hielt eine recht nüchterne Siegesrede. Er werde sich bemühen, "die breitestmögliche Regierung der nationalen Einheit zu bilden", bekräftigte der Premier seine schon im Wahlkampf proklamierte Absicht, "das ist der Wille des Volkes".

"Nur nicht Sharon"

Doch Amram Mitzna, der Chef der gedemütigten Sozialdemokraten, hatte schon zuvor eine stolze und energische Verliererrede abgeliefert und angekündigt, die Partei in der Opposition sanieren zu wollen: "Wir werden an jedem Ort und zu jeder Zeit daran erinnern, dass es eine Alternative gibt - es ist keine Schande, in der Opposition zu sein." Sharon hoffe vergeblich, dass die Arbeiterpartei "wieder das Feigenblatt für seine gescheiterte Politik sein wird". "Nur nicht Sharon!", skandierten Mitznas Anhänger. Wenn Mitzna Parteichef bleibt und seine Haltung nicht ändert, wird Sharon wahrscheinlich in eine schmale Rechtskoalition gezwungen werden, Lapid aber äußerte Zweifel, ob die Arbeiterpartei sich angesichts "unzähliger Kriege" und eines "wirtschaftlichen Zusammenbruchs", die Israel bevorstünden, weiter verweigern könnte. Lapids Wunschvorstellung ist eine "säkulare Einheitsregierung" mit der Arbeiterpartei und ohne Religiöse - nur im Falle eines Irakkriegs wäre Lapid bereit, vorübergehend sogar mit seiner Erzfeindin, der Shass-Partei, in einer "Notstandsregierung" zu sitzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2003)