Prag/Turin/Kopenhagen/Washington - Mehrere internationale Tageszeitungen beschäftigen sich heute, Mittwoch, mit der Rede von US-Präsident George W. Bush zur Lage der Nation. Im Mittelpunkt der Kommentare steht dabei die Irak-Krise.

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Unter dem Titel "Das Imperium schlägt zuerst" kritisiert die "New York Times"-Kolumnistin und Pulitzer-Preisträgerin Maureen Dowd am Mittwoch die Rede von US-Präsident George W. Bush vor dem Kongress:

"Es gab keine 'rauchende Pistole' letzte Nacht. Es gab bloß eine anschwärzende Anspielung ("smoky allusion"). Präsident Bush versuchte, die ängstlichen Amerikaner für einen Krieg gegen den Irak zu begeistern, indem er auf eine mögliche Verbindung zwischen Saddam und El Kaida verwies. Schurkenstaaten, die böse Waffen besitzen wollen, könnten diese laut Bush 'auch an Terroristen verkaufen, die keinen Moment zögern würden, sie zu benutzen'. Die Achse des Bösen ist auf Saddam, die Inkarnation des Bösen geschrumpft. Der Iran und Nordkorea wurden beiseite gelegt mit der Bemerkung, 'unterschiedliche Bedrohungen erfordern unterschiedliche Strategien'. (...)

Bushs Team denkt, es kann die Öffentlichkeit aufschrecken, wenn es Saddam mit 9/11 verbindet und ihn zu einem Hitler aufbauscht, der die Welt bedrohen könnte, und zwar laut Andy Card, Stabschef im Weißen Haus, 'mit einem Holocaust'. Aber ihre Kriegsgründe gab es schon vor dem 11. September. Die Konservativen wollten Saddams Kopf schon seit einem Dutzend Jahren. Dick Cheney, sein Stabschef Libby und Paul Wolfowitz vom Pentagon halten Saddam für die perfekte Laborratte, an der sie ihre präventive Sicherheits-Strategie 'Das Imperium schlägt zuerst' erproben können, die Wolfowitz und Libby schon 1992 entworfen hatten, als Cheney Verteidigungsminister war. Dem ersten Präsident Bush gingen diese Ideen zu weit. Aber sein Sohn wendet sie jetzt an."

"Pravo" (Prag, linksliberal)

"Die USA und Großbritannien sehen im Bericht der UNO-Waffeninspektoren eine Bestätigung für ihre Motive, den Irak anzugreifen. Angesichts dieser Reaktion und der Erwartungen an die Rede von US-Präsident (George W.) Bush fehlt zum Krieg wirklich nicht mehr viel. Den Irak, scheint es, kann nur noch eine Revolution in Bagdad retten. Washington hat nun angekündigt, endlich die Beweise gegen Saddam Hussein vorzulegen, die man angeblich lange hat. Die Antwort auf die Frage, warum die USA dies nicht schon früher getan haben, ist nicht schwer: Bush hat längst den Stab über das Regime in Bagdad gebrochen. Wann der Angriff erfolgt, wissen Bush und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gut. Und bei seinem Besuch am Freitag in Camp David erfährt es zweifellos auch Tony Blair."

"La Stampa" (Turin, rechtsliberal)

"Heute wissen wir mit Sicherheit, dass den (UNO)-Inspektoren von Hans Blix noch ein Monat gegeben werden wird, um zumindest ein paar der unauffindbaren 6500 chemischen Bomben zu entdecken. Handelt es sich um eine weitere Verlängerung, die zur Vortäuschung von Legalität zugestanden wird? Oder um weitere Zeit, die mit Berechnung vor allem Saddam, seinen Generälen, seinen mehr oder weniger versteckten inneren Feinden gewährt wird, um sie dazu zu bringen, die Kräfte auf dem Feld realistisch einzuschätzen und die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen? (...) 30 Tage könnten mehr als genug sein, um nicht so sehr die Inspektionen zu Ende zu bringen, als vielmehr die geheimen Verhandlungen, um Saddam und seinem Clan einen mit physischer Immunität und ökonomischer Absicherung belohnten Abgang zu garantieren. Angesichts der unvorhersehbaren arabischen Mentalität ist bis zur letzten Sekunde alles möglich und lösbar."

"Politiken" (Kopenhagen, liberal)

"Die Aktienkurse an den internationalen Börsen gehen in den Keller. Im Irak berichtet der sieben Jahre alte Hamza (...), dass er Angst davor hat, erschossen zu werden oder eine schlimme Krankheit zu bekommen. (...) Auf der ganzen Welt gibt es im Augenblick nur eine Tagesordnung, und das ist die des Krieges. Sie hat sich wie eine schwere Decke über alles und alle gelegt. Sie verhindert gute Laune, beeinflusst Eltern, Kinder und andere überall auf der Welt. Sie dämpft die Investitionsbereitschaft und bedroht die schon im Abschwung befindliche Weltwirtschaft. Sie tötet Menschen, weil die allgemeine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet ist als die kleineren Katastrophen, die sich überall besonders für arme Menschen abspielen. Die Aufmerksamkeit gehört dem Krieg und der geringen Hoffnung darauf, dass er doch noch verhindert werden kann. (...) Die Aussicht auf Krieg ist schon zu einer teuren Bekanntschaft geworden." (APA/dpa)