Graz - Vielleicht ist er heute auch deshalb interessant, weil er dem "globalen" internationalen Stil, der vielfach Tradition, Eigencharakter und historische Entwicklung zugunsten einer modernistischen und enzyklopädischen Orthodoxie aufgab, seine eigene Interpretation und regionale Adaption von klassischer Baukunst entgegenstellte. Weil er so etwas wie eine Idee von "Mitteleuropa" repräsentiert, in Wien, Prag und Laibach baute. Ein früher "Crossover"-Mann.

International wahrgenommen wurde der Architekt Joze Plecnik (1872-1957) erstmals in den 80ern, der Postmoderne. Legionen von Grazer Architekturschülern etwa studierten die klassische Stadtplanung anhand seiner Heimatstadt Ljubljana (Laibach), deren Innenstadt wie zentrale Gebäude Plecnik in den 30er-Jahren gestaltete, in einen mediterranen Ort verwandeln wollte. Seine Vision war die einer universalen "Architectura perennis"; nach dem Vorbild Athen plante er Akropolis (Stadtburg), Nekropole (Aufbahrungskomplex in Zale), Stadion, Theater, Markthallen. Viele seiner Entwürfe wurden nicht realisiert, wie etwa der Bau des slowenischen Parlaments.

Ein Holzmodell dieses Gebäudes ist eines der Exponate der aktuellen, von Boris Podrecca in Zusammenarbeit mit dem Architekturmuseum Ljubljana konzipierten Schau im Grazer Stadtmuseum: Joze Plecnik und Ljubljana. Der Architekt und seine Stadt. Podrecca sieht die Modernität des Architekten in seiner formalen Flexibilität, in der "Polyvalenz der Formen, die er verschiebt, zerstört, wieder zusammensetzt, synthetisiert und strafft. Bei Plecnik finde ich weder Eingleisigkeit noch stilistischen Rassismus, nur Vielfalt, die auf unterschiedlichste Regungen der Zeit korrigierend antwortet. Dies ist auch in Bezug auf unsere liquide Zeit, in Ermangelung an linearer Geschichte, relevant."

Otto Wagner wiederum, Plecniks Professor in dessen Wiener Studienjahren, schrieb seinem "erstklassigem Künstler" zur Studienreise nach Italien, dass er für ihn hoffe, die "berühmte Unbeständigkeit zu verlieren, an der Sie in Wien trotz ihres großen Talents litten".

Schauerlich sei Plecnik allerdings in seiner terribilitá, meint Podrecca: Bizarr jedenfalls ist Plecniks ausgeführtes National- und Universitäts-Bibliotheksgebäude, wo rohe (Rustica-)Steine die Fassade durchbrechen und gegen oben hin zahlenmäßig abnehmen. Symbolhaft sollte dies den Sieg der Kultur über die Natur darstellen. Expressive Renaissance könnte man dies nennen.

In Plecniks immensem Säulen-Repertoire, das er am auffälligsten wohl bei seinen Brücken/Stiegenentwürfen für die Innenstadt Ljubljana anwendete, findet sich nicht eine idente Form. In der Präzisierung von architektonischen Details und der hohen Bewertung der Handwerkskunst war er mehr Universalist im Stil eines William Morris und Otto Wagners denn Technokrat.

Bis auf weiteres ist man besser beraten, den Ausstellungskatalog zu studieren, denn die rund 30 Videomonitore, auf denen Plecniks im Stadtalltag gefilmte Gebäude gezeigt werden, funktionieren nicht. Und so wandelt man auf dem Luftbildstadtplan der slowenischen Hauptstadt an endlosen blassen Planungszeichnungen entlang. (Doris Krumpl/DER STANDARD; Printausgabe, 30.01.2003)