Elizabeth Israel steht nicht im Guinness-Buch der Rekorde. Noch nicht. Für den Titel "Ältester lebender Mensch" müsste die Rollstuhlfahrerin, die am Dienstag in Portsmouth im Karibikstaat Dominica ihren 128. Geburtstag feierte, entsprechende amtliche Dokumente einreichen. Der Eintrag im Taufregister aus dem Jahr 1875 reicht nicht. Also hält die Japanerin Kamato Hongo, die erst auf die 116 zugeht, weiterhin den offiziellen Rekord. Was aber steckt hinter einem derart hohen Alter? Göttliche Fügung oder genetische Selektion?

Nichts hat der Mensch, seit er vor Hunderttausenden von Jahren mit Bewusstsein belohnt und dafür mit dem Wissen um seine Sterblichkeit bestraft wurde, derart hartnäckig und erfolglos bekämpft wie seine Vergänglichkeit. Und solange es nichts anderes gibt, wird des Menschen Kampf gegen seine Sterblichkeit mit metaphysischen Waffen ausgetragen, mit dem Glauben an Reinkarnation oder Auferstehung. Doch da sich die Wirksamkeit solch spiritueller Anstrengungen kaum durch Studien belegen lässt, führt der naturwissenschaftlich orientierte Mensch die Revolte gegen seine eigene Natur mit der heute modernsten Waffe fort: mit der Biowissenschaft.

Die Lebenserwartung, erklärt der US-Genetiker Michael Rose im deutschen Wochenblatt Die Zeit, sei "durch nichts begrenzt als die menschliche Technologie". So paradox es klingt: Das simpelste Wundermittel heißt Hungern. Tierexperimente zeigen, dass permanente Mangeldiät den Tod hinauszögert, weil die Stoffwechselraten und damit der so genannte oxidative Stress abnehmen. Bei Affen funktioniert es, warum also nicht auch bei Menschen? Die Sache hat jedoch zwei kleine Haken: Mangelernährung macht unfruchtbar, und überhaupt - wer will schon 100 werden, nur um 100 Jahre hungern zu müssen?

Bedenkenlos fressen

Das sahen denn auch Forscher der Harvard University in Boston ein. Sie bedienen sich daher eines gentechnischen Tricks: Ihre Labormäuse werden eines bestimmten Insulin-Rezeptors beraubt, haben dadurch bis zu 70 Prozent weniger weißes Fettgewebe, wiegen bis zu 20 Prozent weniger als ihre genetisch unveränderten Artgenossen, fressen aber mehr und werden dabei auch noch älter.

Nun kann man freilich nicht erwarten, dass sich die lebenshungrige Menschheit reihenweise genetisch manipulieren lässt, und so wird in US-Forschungsstätten bereits an komfortableren Mitteln gebastelt. Ein solches heißt "Synthetic Catalytic Scavenger": Es unterstützt körpereigene Entgiftungsenzyme dabei, schädliche Stoffwechselprodukte abzufangen, da diese mit Proteinen und Genen reagieren - dieser oxidative Stress lässt Zellen altern (siehe Grafik). Mäuse, die diese Pille bekamen, lebten dreimal länger als sonst. Wirkt das Mittel auch bei Menschen, bedarf es mehr als nur einer Reform der Pensionskassen.

Auch französische Genetiker lassen ihre Mäuse um 25 Prozent länger leben: indem sie ihnen eine der beiden Kopien des Gens mit dem etwas sperrigen Namen IGF-1R ausschalten, das für einen Wachstumsfaktor kodiert. Dieses Gen ist wiederum ein enger Verwandter des Wurmgens Daf-2, durch dessen Eliminierung eine US-Forscherin ihre Würmer doppelt so lang leben lässt als normal - daher trägt dieses Stück Erbgut auch den anerkennenden Namen "Sensenmann-Gen".

Bis all diese Entwicklungen jedoch dereinst den Menschen noch später sterben lassen, wird sich die Lebenserwartung ohnedies erhöhen - seit 1840 steigt sie jährlich um drei Monate, bereits um 2060 dürfte sie die 100-Jahre-Grenze durchstoßen. Aber ist der 100. Geburtstag angesichts altersbedingter Erkrankungen wie Tumoren, Diabetes, Alzheimer, Infarkte und Insulte überhaupt erstrebenswert? Es spottete schon der britische Schriftsteller Jonathan Swift: "Jeder will lange leben, bloß alt werden will keiner." (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 1. 2003)