Diese Frage stellen sich jetzt viele - und nicht nur in der Tschechischen Republik - einige Tage vor dem "Dienstende" jenes Mannes, der im November 1989 das verhasste kommunistische Staatsoberhaupt Gustáv Husák auf dem Hradschin ablöste. Mit vierfacher Wahl - zweimal als Präsident der ehemaligen Tschechoslowakei, zweimal als der des geteilten Staates - und mehr als dreizehn Jahren auf der Prager Burg gehört er jedenfalls in das Guinness-Buch der Rekorde. Doch seine größte Leistung war die fast reibungslose Rückkehr eines sowjetischen Satelliten in die Familie freier europäischer Länder.

Politisches Geschick

Geholfen dabei hat ihm seine "unbefleckte", also nie von der Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei getrübte Biografie, sein mutiger, durch viele Gefängnisjahre gezeichneter Einsatz für Demokratie und sein politisches Geschick, geprägt bereits in den Jahren des totalitären Regimes. Havel ist es gelungen, ganz im Sinne der Charta 77, alle bis dahin zerstrittenen Kräfte der Opposition auf ein gemeinsames Ziel zu einigen - die konsequente Verteidigung und nachhaltige Durchsetzung der Bürger- und Menschenrechte.

Als dann auch die Sterne mitspielten - anders kann man den Glücksfall Gorbatschow nicht nennen, nachdem den sowjetischen Statthaltern ins Ost- und Mitteleuropa keine Panzer aus Moskau mehr zur Verfügung standen, was zunächst das ungarische Loch im Eisernen Vorhang und dann auch den Fall der Berliner Mauer zur Folge hatte -, konnte Václav Havel unmittelbar die "Samtene Revolution" in die Wege leiten, die dem Lande weltweites Ansehen verschaffte.

Man kann heute streiten, ob gerade sie nicht die wieder gestärkte Position der Kommunisten mitverursacht hat, die unbestraft davonkamen, dass sie das Land über vierzig Jahre lang knechteten, und jetzt imstande sind, alle anderen Parteien bei wichtigen Entscheidungen - momentan bei der Wahl von Havels Nachfolger - regelrecht zu erpressen.

Man kann sich fragen, inwieweit die Havelsche Parole "In der Wahrheit leben!" in den Wirren des politischen Alltags wirklich standhielt, denn er war an einigen maßgeblich beteiligt. Und man ist berechtigt, auch einige seiner Personalentscheidungen oder Begnadigungen anzuzweifeln.

Doch die zurzeit immer wieder gestellte Frage, ob die mit Havel verknüpften Hoffnungen enttäuscht worden sind, kann ich mit einem klaren Nein beantworten.

Verratene Träume

Es ist heutzutage "in", fortwährend über verratene Träume zu klagen. Mit einer Vergangenheit wie der meinen bin ich längst den pubertären Vorstellungen entwachsen, dass eine Gesellschaft besser sein kann als die Menschen, aus denen sie besteht.

Angesichts der bekannten Unvollkommenheit von uns Sterblichen freue ich mich jeden Tag von neuem über die Chance, die unserem Kontinent mit vereinter Kraft so vieler geschaffen wurde.

Vor 60 Jahren schien ich Hitler ausgeliefert zu sein, vor 50 Jahren Stalin, vor 30 Jahren wurde ich totgeschwiegen, und noch vor 13 Jahren war ich Emigrant . . .

Eine Klage über diese Entwicklung halte ich trotz allem, was mich als Bürger oft rasend macht, für Gotteslästerung!

Auch die dramatische Frage, ob nach Havel eine neue, schwer berechenbare Ära ausbricht, halte ich für rein rhetorisch. Es wäre ein trauriges Zeugnis, das man seiner "Dienstzeit" ausstellen würde, hätte man jetzt Angst um das Schicksal der Demokratie in den "Ländern der tschechischen Krone". es liegt in der Natur der Demokratie als solcher, dass sie immer fragil bleibt - und deswegen stets pflegebedürftig. Das ist auch die in Blut getränkte Erfahrung meines Lebens, dass man sie binnen nur einiger Tage töten kann, wonach man sie oft einige Jahrzehnte zum Leben wecken muss.

Fremdes Regiment

Im Kraftfeld der Havelschen Präsidentschaft schaffte das Land zunächst eine vorbildliche Trennung, nach der sich die beiden geschiedenen Völker näher stehen als zuvor, und dann auch noch den geglückten Weg in die Nato und zu den Pforten der EU. Für eine Nation, die allein im vorigen Jahrhundert dreimal fremdes Regiment erdulden musste - das habsburgische dazugerechnet - sind das eindeutig Schritte, die sie aus einem überlangen dunklen Tunnel herausführen.

Die Tschechische Republik wird sich, davon bin ich überzeugt, auch nach Havel und eines Tages sogar ohne Havel weiter zu jenem Ziel fortbewegen, das uns einst fast unerreichbar und trotzdem einen Versuch wert schien, sich dafür voll und ganz einzusetzen. Und es bleibt Václav Havels unvergessliches Verdienst, dass er diese Bewegung koordiniert und zum Erfolg gebracht hat.

Es ist also kein Ende einer Ära, was ich persönlich erlebe, sondern die Fortsetzung jener, die 1989 in unserer Ecke der Welt das beste von allen schlechten Systemen, die Demokratie, zurückgebracht hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2003)