Reutte/Innsbruck - Vor fünf Jahren hat Helmut Wiesenegg mit seinem Direktwahlsieg bei der Bürgermeisterwahl in Reutte für eines der raren Erfolgserlebnisse für Tirols SPÖ gesorgt. Vorige Woche wurde Wiesenegg vom Landesgericht Innsbruck wegen schweren Betruges zu einer Geldstrafe von 16.800 Euro verurteilt.

Wiesenegg wird wie berichtet vorgeworfen, er habe sich bei einem Burgfest 2001 von einer Kellnerin eine überhöhte Rechnung ausstellen lassen. 3200 Schilling habe er damals aus seinen Verfügungsmitteln unters Volk gebracht, behauptet Wiesenegg. Die Kellnerin meint, er habe höchstens um 1000 Schilling Einladungen ausgesprochen.

Erste Instanz

Zumindest in erster Instanz wurde der Kellnerin geglaubt und Wiesenegg verurteilt. SPÖ-Landeschef Hannes Gschwentner beeilte sich, vor "Vorverurteilungen" zu warnen. Über etwaige Konsequenzen gegen den beliebten Kommunalpolitiker wolle er erst nachdenken, sollte dieser rechtskräftig verurteilt werden. SP-Clubchef Walter Guggenberger hat dies getan und meint, Wiesenegg dürfe kein politisches Amt mehr bekleiden. Er gehe davon aus, Wiesenegg wisse in diesem Fall, was er zu tun habe.

Opfer einer politischen Intrige

"Guggenberger liefert mich dem politischen Gegner ans Messer", ärgert sich Wiesenegg und beharrt darauf, in jedem Fall im März 2004 wieder anzutreten. Gegebenenfalls würde er auch ohne SPÖ kandidieren und rechne sich auch in diesem Fall gute Chancen aus. Viele Bürgerinnen und Bürger würden seine Sichtweise teilen, er sei Opfer einer politischen Intrige nach dem Motto: "Die roten Flecken im Westen Tirols müssen weg."

Immer mehr Zeugen, darunter Reuttener Geschäftsleute, würden in der Zwischenzeit bezeugen, beim Burgfest 2001 von ihm eingeladen worden zu sein, gibt sich Wiesenegg kämpferisch. Sein (VP-)Vorgänger hätte in vergleichbaren Fällen überhaupt keine Belege gebracht und niemand könnte ihm etwas anhaben, hätte er sich mit der Ausstellung eines Handbeleges begnügt. Bemerkenswertes Faktum ist, dass die Belegaffäre ihren Ausgang im Reuttener Gemeindeamt genommen hat.

Er kenne fast alle der 5600 Bürger des Bezirksortes Reutte persönlich, betont Wiesenegg, und er glaubt die Mehrheit hinter sich. Nicht bloß trotz, sondern vielleicht sogar wegen der Rechnungsaffäre. Weil die Wahl ohnehin schon in einem Jahr anstehe, sollen die Wähler entscheiden - und nicht die Justiz. (Hannes Schlosser, DER STANDARD Printausgabe 30.1.2003)