Im Trubel um das angebliche Klon-Baby waren sie schon fast in Vergessenheit geraten: Die pensionsreifen Wöchnerinnen aus der Steiermark, die vergangenen Dezember Schwung in die heimische Bioethik-Debatte gebracht hatten. Dieser Tage hat profil-Kolumnistin Elfriede Hammerl das Thema wieder aufgegriffen. Unter dem Titel "Patientinnengut" geht sie hart mit den hinter dem späten Kindersegen stehenden Reproduktionsmedizinern ins Gericht: Zu kritisieren sei nicht in erster Linie die alte Mutter, sondern die "den Frauenkörper kolonialisierende" Medizin, die der Frau "derlei anbietet, ja einredet, um sie als Versuchskarnikel und Cash Cow zu benutzen".

Mit einem kurzen Seitenhieb auf das "Umfeld", das Frauen dazu bringe, sich "wertlos und überflüssig" vorzukommen, solange sie kein Kind geboren haben, schwenkt Hammerl zur In-vitro-Fertilisation im Allgemeinen und schildert ihre langjährige Sorge darüber, ob Frauen, die sich dieser mühseligen Prozedur unterziehen, von den Göttern in Weiß wohl aufgeklärt worden seien, "dass das ersehnte Kind nicht alle ihre Probleme lösen wird". Für wie blöd hält Frau Hammerl ihre Geschlechtsgenossinnen eigentlich?

Großes Rätsel

Gewiss, sie befindet sich mit ihrer Skepsis in guter Gesellschaft: Es ist eines der großen Rätsel der Bioethik-Debatte, dass just Feministinnen - zumindest im deutschsprachigen Raum - den betroffenen Frauen so nachdrücklich die Fähigkeit zu einem vernünftigen Umgang mit den Errungenschaften der Forschung absprechen und sie stattdessen als unmündige, fremdbestimmte Wesen porträtieren. Kritische Betrachtungen zu dringlichen bioethischen Fragen sind oft von der Klischeedichte schlechter B-Movies: Auf der einen Seite die Patientinnen, ahnungslos, naiv, manipulierbar; auf der anderen die Ärzte, geldgierig und verantwortungslos.

Wie schaut die Szene, die Hammerl im Kopf hat, aus? Offenbar ungefähr so: Der Arzt hält einen mit Fachvokabular gespickten Monolog und stiftet damit im Köpfchen der Patientin große Verwirrung. Denn sie weiß bloß: Sie hat viele Zeitschriften mit Fotos von glücklichen Müttern gesehen und fühlt sich jetzt wertlos und überflüssig. So vertraut sie ihm in der Hoffnung auf ein Baby und die damit verbundene Lösung all ihrer Probleme bedingungslos ihren Unterleib an, nicht ohne vorher einen Blankoscheck unterschrieben zu haben. Beleidigender würde es sich auch der übelste Macho nicht ausmalen.

Wieso negieren Feministinnen so hartnäckig, dass der Schritt in die Klinik eines Reproduktionsmediziners für viele Frauen ein wohl überlegter, selbstbestimmter Akt ist? Eine Entscheidung, Errungenschaften der - jawohl, männlich dominierten - Forschung für die persönliche Lebensplanung in Anspruch zu nehmen, statt demütig die - oft völlig zufälligen - Beschränkungen des eigenen Körpers hinzunehmen. Die geschätzten Kämpferinnen sollten sich vielleicht in Erinnerung rufen, dass wir im Jahr 2003 leben. Frauen haben trotz aller Widrigkeiten gelernt, ihr Leben in die Hand zu nehmen, Behauptungen zu hinterfragen, Konsequenzen abzuschätzen, Entscheidungen zu treffen. Sie wissen, was gut für sie ist. Nicht immer, aber immer öfter.

Es gibt annähernd eine Trilliarde Möglichkeiten, sich über die in der Reproduktionsmedizin angewandten Verfahren zu informieren: Fachliteratur, Websites, Diskussionsforen im Internet, Sprechstunden in Kliniken, Alternativmediziner, Selbsthilfegruppen. Warum sollte eine Frau, die einen Reproduktionsmediziner um eine Dienstleistung bittet, automatisch zum kolonialisierten Körper verkommen?

Verlockende Option

Natürlich gibt es die naive Patientin, die nicht weiß, worauf sie sich einlässt - und es gibt den verantwortungslosen Arzt. In jeder Sparte der Medizin. Wie gut die Entscheidung der beiden Steirerinnen war, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, wird sich sehr individuell und sehr langsam herausstellen. Anzunehmen ist, dass auch in absehbarer Zukunft nicht viele Frauen sich so spät in ihrem Leben zu diesem Schritt entschließen.

Die wirkliche Sensation hinter den heiß umstrittenen alten Jungmüttern ist doch, dass das Einsetzen der Menopause dank Reproduktionsmedizin nicht mehr wie ein drohendes Fallbeil über der Lebensplanung von Frauen schweben muss. Karriere machen bis Mitte/Ende vierzig, danach mit beruflich befriedigten Ambitionen eine Laufbahn als Mutter beginnen, wird schon bald eine Option unter mehreren sein - für viele Frauen vermutlich sogar eine sehr verlockende. Ganz ohne ärztliche Überredungskünste. Und obendrein ganz gegen übellaunige feministische Bevormundungsversuche. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 1. 2003)