Bill Gates liebt keine großen Auftritte, aber in diesen Tagen ist er gefordert: London, München, Paris sind die Stationen der Jubiläumstournee zur Gründung der Europa-Niederlassungen des Software-Konzerns vor 20 Jahren. "Jo mei, er is halt a bisserl scheu", sagt eine Microsoft-Mitarbeiterin nach dem Auftritt des Firmengründers im Münchener Olympiapark.

"Das hätte bitter enden können, aber es kam anders"

Wie da der mächtige Chairman etwas linkisch auf der Bühne steht, könnte der kleine William Henry auch vor seinem Lehrer gestanden haben, als er mit einem selbst geschriebenen Stundenplan-Programm den Schulcomputer zum Absturz gebracht haben soll. "Das hätte bitter enden können, aber es kam anders", sagt schmunzelnd Anne Will als Moderatorin einer Microsoft-Zeitreise durch 20 Jahre.

Rebellen

"Damals waren wir die Rebellen", erinnert sich der erste Microsoft-Geschäftsführer in Deutschland, Joachim Kempin, im Gespräch. Der PC habe sich zunächst erst einmal gegen den damals vorherrschenden Mainframe-Computer in Szene setzen müssen. Microsoft, 1975 von Gates und Paul Allen gegründet, entwickelte das erste Betriebssystem für den 1981 eingeführten IBM-PC, MS DOS.

Unfähig

"Die ersten Produkte kamen erst im August 1983, weil die USA unfähig waren zu liefern", erzählt der in Seattle lebende Kempin lachend. Dann aber wurde schon im allerersten Geschäftsjahr in Deutschland ein Umsatz von fünf Millionen Dollar erzielt - nach 200.000 im Jahr vor Gründung der Deutschland-Niederlassung am 25. Januar 1983. "Das waren damals immerhin schon fünf Prozent vom Gesamtumsatz."

In diesem Jahr rechnet Microsoft mit einem Konzernumsatz von rund 32 Milliarden Dollar. Auf die größte Auslandsniederlassung Deutschland entfallen davon schätzungsweise um die zehn Prozent - genaue Zahlen gibt Microsoft bisher nicht an. Um den besonderen Stellenwert der Deutschland-Tochter zu unterstreichen, erhält diese ab Februar den neuen Firmennamen Microsoft Deutschland GmbH (bisher nur: Microsoft GmbH).

"Deutsche Texte sind fast doppelt so umfangreich wie englische"

Dass die deutschsprachigen Länder in der Microsoft-Welt einen so hohen Stellenwert haben, ist nicht selbstverständlich. So hat die Londoner Tochter den Vorteil, dass die Software in der englischen Originalsprache angeboten werden kann. "Deutsche Texte sind fast doppelt so umfangreich wie englische", sagt Gates, was die Anpassung der Software nicht einfach gemacht habe. Zudem sei der deutsche Markt in Qualitätsfragen sehr anspruchsvoll.

"Je größer man wird, desto mehr Kritik gibt es"

Da wird Gates vielleicht an die hier oft besonders heftige Kritik an der Stabilität früherer Windows-Versionen gedacht haben. "Je größer man wird, desto mehr Kritik gibt es", meint Deutschland-Pionier Kempin. Seit drei Monaten nicht mehr im Unternehmen, sieht Kempin den mitunter zum Glaubenskrieg stilisierten Wettbewerb mit Linux ganz entspannt. "Es muss immer Rebellen geben, damit es Fortschritt gibt." Die Open-Source-Bewegung habe daher durchaus ihre Berechtigung. Aber auch bei Microsoft gebe es noch einen Anteil von etwa 20 Prozent an rebellischer Kraft.

Pläne

So hat der Software-Konzern große Pläne für dieses und das nächste Jahr. Im Mai soll es das Server-Betriebssystem Windows 2003 Server geben - als Mittelpunkt der Microsoft-Strategie zur Entwicklung von Internet-Anwendungen, die unter dem Schlagwort .NET (ausgesprochen wie "Dot Net") läuft. Ebenfalls für Mai geplant ist die nächste Version der Entwicklerplattform VisualStudio.NET mit der Versionsbezeichnung 1.1. Für die Jahresmitte angekündigt ist ein neues Office-Paket - Office 11 soll durchgängig auf dem Internet-Standard XML aufbauen. Und 2004 soll es ein neues Windows geben, das intern unter der Bezeichnung "Longhorn" geführt wird und das auf dem völlig neuen Sicherheitskonzept aufbauen soll. (APA/A)