Attacken gegen den ORF und die Filmemacherin Elizabeth T. Spira standen am Donnerstag im Mittelpunkt der Aktuellen Stunde des Wiener Gemeinderats. "Die Großfeldsiedlung - zuerst vernachlässigt, dann verhöhnt", lautete das von der FPÖ vorgegebene Thema. Anlass war die Ende Dezember vom ORF ausgestrahlte "Alltagsgeschichte" über die Bewohner der Satellitenstadt in Wien-Floridsdorf. Einzig die Grünen nahmen Spira in Schutz.

"Wir haben schon länger beobachtet, wie schändlich mit der Würde der Menschen im ORF umgegangen wird", klagte die FPÖ-Gemeinderätin Barbara Schöfnagel. Spira habe in ihrer Sendung die Bewohner der Siedlung pauschal als kriminell, drogenabhängig und sozial außenstehend dargestellt und lächerlich gemacht. Der ORF habe dafür das Podium abgegeben. Ein ähnliches Vorgehen der öffentlich-rechtlichen Anstalt habe es in der Vergangenheit auch bei der Darstellung von Sympathisanten der FPÖ gegeben.

Schöfnagel ortete darin einen Verstoß gegen den gesetzlichen Objektivitätsauftrag und forderte vom Gemeinderat ein geschlossenes Vorgehen gegen diese Form der Berichterstattung. Die FPÖ werde jede Aktion unterstützen, die gegen den ORF gestartet werde.

ÖVP: Quote "auf Kosten der Ärmsten der Armen der Gesellschaft"

VP-Kultursprecher Andreas Salcher äußerte zwar allgemein großen Respekt vor Spira, im Fall der Großfeldsiedlung wäre seiner Ansicht nach aber eine Entschuldigung angebracht. Kritik übte er vor allem am ORF: Es sei "auf Kosten der Ärmsten der Armen der Gesellschaft" Quote gemacht worden: "So etwas ist zutiefst zu verurteilen."

SPÖ: "Sozialpornografie"

Vom "Schielen auf die Einschaltquoten" und "Sozialpornografie" sprach auch SPÖ-Gemeinderat Günther Reiter. Es seien Interviews "mit bedauernswerten Menschen, die vor der Kamera wehrlos sind", geführt worden. Der Ärger der Bewohner sei mehr als verständlich. Die Großfeldsiedlung sei entgegen dem durch die Sendung vermittelten Bild in Wirklichkeit ein lebendiger Stadtteil mit hoher Lebensqualität, in dem sich die Bewohner wohl fühlen würden.

Völlig anders sah das die Grüne Mandatarin Susanne Jerusalem. Spira sei eine Künstlerin und habe das Recht, einen bestimmten Blickwinkel einzunehmen und darzustellen. "Da geht es auch um die Freiheit der Kunst", so Jerusalem. Der Film stelle natürlich eine Provokation dar, immerhin sei die Großfeldsiedlung damit aber zum Diskussionsthema geworden. Es sei jedenfalls nicht die Aufgabe von Politikern, Spira vorzuschreiben, welchen Film sie zu machen habe. (APA)