Unternehmen, die auf Billiglöhne setzen, wandern bereits ab aus Ungarn - Know-how-intensive Betriebe sollen nun durch höchstqualifizierte Mitarbeiter angezogen werden

montage: derStandard.at

"Am 1. Mai nächsten Jahres sind die EU-Beitrittskandidatenländer vollwertige Mitglieder der Europäischen Union, Investitionen in das Humankapital zählen in einer wissensbasierten Gesellschaft zu den vordringlichsten Aufgaben, nur durch Qualifikation lassen sich Niveauunterschiede einebnen, werden höhere Löhne erreicht und damit allfällige Ängste unserer Landsleute im Zusammenhang mit der Erweiterung beseitigt", bekräftigt der Präsident der Europäischen Wirtschaftskammern, Christoph Leitl, die ideelle Stoßrichtung bildungspolitischer Anstrengungen in Osteuropa.

Das WIFI Hungária in Budapest ist das Pilotprojekt für gleichgelagerte Institutionen in Bratislava, Prag, Laibach und Warschau. 1,4 Mio. Euro wurden im ersten Jahr investiert, der Breakeven-Point wird in drei Jahren erwartet.

Pilotprojekt

Potenzielle Kunden sind die 4000 bereits bestehenden österreichisch-ungarischen Joint Ventures sowie vergleichbare Unternehmen aus anderen Ländern. Das WIFI Hungária bietet ihnen Firmen-Intern-Trainings für ihre ungarischen Mitarbeiter in ungarischer Sprache. In weiterer Folge sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen aus Österreich motiviert werden, den Schritt über die Grenze zu wagen, indem ihnen durch die praxisorientierten Ausbildungsaktivitäten des WIFI der Zugang zu gut ausgebildeten Arbeitskräften entscheidend erleichtert wird.

Die WIFI-Außenstellen wollen sich größtmögliche Flexibilität auf die Fahnen heften, durch Feedback-Dialoge das Programm nachfragebezogen erweitern und maßgeschneiderte Kurse nach Bedarf in Deutsch und Englisch anbieten. Vor allem im IT-Bereich und in der Trainerschulung wird der Auslandsmarkt auch für österreichische Trainer und Berater von Interesse sein.

40 ungarische Trainer

Vorerst wurden aus 150 Bewerbern 40 ungarische Trainer rekrutiert, die durch intensive Fortbildung beim WIFI Österreich den Wissenstransfer österreichischen Management-Know-hows nach Ungarn fortsetzen und sicherstellen sollen, der bereits seit Fall des Eisernen Vorhangs durch die Wirtschaftskammer Österreich (WK) betrieben wird. Der Effekt dieser Aktivitäten lässt sich schon heute in einem deutlichen Außenhandelsbilanzüberschuss und in der engen Verflechtung und Verbundenheit der beiden Volkswirtschaften ablesen.

Freilich sollen sich die WIFI-Außenstellen doppelt rechnen: als kaufmännisch geführte Bildungsinstitutionen und durch die schwer bezifferbare, aber unzweifelhafte Umwegrentabilität. Das Ausbildungsangebot reicht von Human-, Qualitäts- und Leistungsmanagement über Marketing und Verkauf bis zu EDV und EU-Anpassung, selbstverständlich in Verbindung mit eigens entwickelten Tools wie E-Learning.

Zielgruppe ist die mittlere Angestelltenebene. "Wir wollen die Fehler gescheiterter Konkurrenten in diesem Bildungssegment vermeiden, Kurse in Deutsch mit ungarischer Übersetzung werden nicht angenommen", verweist der Leiter des WIFI International, Michael Landertshammer, auf das gewählte Konzept.

Alles hängt an Bildung und Qualifikation

Die Bedeutung der WIFI-Auslandsaktivitäten für die zwischenstaatlichen Wirtschaftsbeziehungen unterstrich auch der ungarische Arbeitsminister Péter Kiss in seiner Eröffnungsrede. "Unternehmen, die rein auf Billiglöhne setzen, wandern aus Ungarn bereits wieder ab. Gefragt sind Qualität und Motivation." "In Zeiten des Life-long Learning kommt alles auf Bildung und Qualifikation an. In unseren Nachbarländern wollen Know-how-intensive Betriebe investieren, die höchstqualifizierte Mitarbeiter benötigen", umreißt WK-Präsident Leitl die bestehende Situation, "damit kommt die Eröffnung des WIFI Hungária gerade rechtzeitig, denn unser Schwerpunkt ist die Vermittlung praxisorientierten Wissens, das sich auf dem letzten Stand befindet."

Das ehrgeizige Ziel Europas ist es, bis 2010 der stärkste wissensbasierte Wirtschaftsraum der Welt zu werden. In Budapest sind für den Anfang 200 Veranstaltungen mit 2500 Teilnehmern geplant. Im Falle des Erfolgs soll die WIFI-Expansion nach Osteuropa, möglichst mit starken Partnern, zügig vorangetrieben werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.1.2003)