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Gerhard Roth

Foto: APA/Herbert Pfarrhofer

Wien - Am Donnerstag wurde in der Kreisky-Villa in der Armbrustergasse der diesjährige "Bruno Kreisky Preis für das politische Buch" an Joseph Stiglitz und an George Tabori und Gerhard Roth für ihr "publizistisches und literarisches Gesamtwerk" verliehen.

Gerhard Roth rückte dabei in seiner Dankesrede Wie ich dazu kam, politische Artikel zu verfassen einiges zurecht, sowohl was sein eigenes Verhältnis zu Bruno Kreisky, als auch was das komplexe Verhältnis zur österreichischen Geschichte in einer österreichischen Familie betrifft:

"Meine Begegnungen mit Bruno Kreisky, die bei weitem nicht so zahlreich waren, wie man mir gerne andichtet, waren vor allem Begegnungen mit einem denkenden Menschen". Aber auch ambivalent: Einmal dreht Kreisky, von Roth auf die Nationalsozialisten in seinem Kabinett angesprochen, wortlos den Fernseher an. Andererseits die Erinnerung, wie der schon gebrechliche Kreisky 1980 in Belgrad aus dem Stegreif die Entwicklungen Jugoslawiens, des Nahen Ostens, des Irak entwickelt: "Wie ich meinem Notizbuch entnehmen kann, haben sich seine Prognosen allesamt bewahrheitet", so Gerhard Roth.

Dass eine solche Kraft politischer Analyse in Österreich untypisch ist, verdeutlichte Roth am Beispiel seiner eigenen Familiengeschichte. Vater und Mutter traten nach dem Einmarsch 1938 der NSDAP bei: "Mein Vater war bis an sein Lebensende nicht im Stande in politischen Zusammenhängen zu denken. (...) Er hielt - trotz aller meiner Einwände - bis zuletzt daran fest, dass er unschuldig sei."

Durchaus selbstkritisch, entfaltete Gerhard Roth an Beispielen aus der eigenen Familie paradigmatisch die Frage: Wie wird man ein politischer Mensch? Zunächst ist das Familienschweigen da, aber plötzlich, nachdem der damals 16-jährige Roth eine Dokumentation über die Nürnberger Prozesse gesehen hatte, die Konfrontation: "Meine Eltern verteidigten weniger den Nationalsozialsimus als sich selbst, aber ich hörte die vorangegangene Zeit nun verräterisch aus ihrer Sprache, es waren die von den Nationalsozialisten geprägten Wörter wie ,Sonderbehandlung', ,Drückeberger' oder ,Beine machen'." - Auch Gegenbilder und Vorbilder gab es in der Familie schon, und auch insofern ist es paradigmatisch.

Der konkrete Anlass für das verstärkte eigene Engagement sei für ihn die Affäre um die Erinnerungslücken von Kurt Waldheim gewesen, so Roth. Obwohl: "Ich betrachte es für einen Künstler nicht a priori als notwendig, sich politisch zu äußern. Ich weiß von meinen eigenen Eltern her, wie groß die Unfähigkeit sein kann, in politischen Zusammenhängen zu denken. Von dieser Unfähigkeit sind auch Künstler nicht ausgenommen." (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2003)