Wien - "Gerhard Roth lehrt uns, bei der Formulierung unserer Politik die Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit zu akzeptieren, ohne unsere Bemühungen um eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse aufzugeben." So würdigte EU-Abgeordneter Hannes Swoboda in seiner Eigenschaft als Jury-Vorsitzender den Schriftsteller Gerhard Roth (60), der Donnerstag Abend in Wien für sein literarisches und publizistisches Gesamtwerk mit dem "Bruno Kreisky-Preis für das politische Buch" ausgezeichnet wurde.

Die Anerkennungspreise gingen an Susanne Feigl (für eine Johanna Dohnal-Biografie), Manfred Scheuch (für ein Buch über das "größere Europa"), Stefan Moritz (für eine Publikation über Katholische Kirche und Nationalsozialismus in Österreich), Ursula Mitterlehner (für den Band "Hausarbeit zum Nulltarif. No fun, no money") sowie an Martin Horvath, Anton Legerer, Judith Pfeifer und Stefan Roth (als Herausgeber einer Publikation über den Gedenkdienst). Die Übergaben der Preise für Joseph Stiglitz (für "Die Schatten der Globalisierung") und George Tabori (für sein Gesamtwerk) sollen zu einem späteren Zeitpunkt in Wien bzw. Berlin erfolgen.

Preisverleihung in kritischer Phase

Swoboda betonte in seiner Laudatio, dass die Preisverleihung in einer "besonders kritischen Phase der Weltgeschichte" stattfände. "Politischer Konservativismus" und "christlicher Fundamentalismus" gäben den Ton an. "Das neue Amerika, oder besser gesagt die neue politische Führung der USA und deren unkritischen Anhänger in Europa haben klare, undifferenzierte Vorstellungen von dieser Welt: Es gibt die Guten und es gibt die Bösen. (...)

Die Bösen müssen wir wegschaffen, notfalls mit Militärgewalt, und am besten ohne störende Einmischung von 'Gutmenschen' bzw. 'Gutstaaten'. Es geht um ein Bild in schwarz-weiß, nicht um ein Bild mit vielen Farben und Schattierungen oder gar um verschiedene Bilder übereinander. Gerhard Roth sieht, beschreibt und malt die Welt anders. Für ihn ist sie vielfältig und widersprüchlich. Seine Welt ist gleichzeitig eine von Mord und Totschlag sowie von Liebe und Zärtlichkeit."

Gegenentwurf

Roth stelle ein Vielzahl von komplexen, einander überlagernden Realitäten dar, meinte Swoboda: "Sein Gegenentwurf ist dabei keineswegs ebenso grobschlächtig und simpel gestrickt bzw. medien-, vor allem fernsehgerecht, er ist eben nicht das Spiegelbild des neuen amerikanischen Weltbildes. Es ist ein europäischer Gegenentwurf, mit all seiner Reichhaltigkeit an Details und Nuancen."

Die Bruno Kreisky-Preise für das politische Buch werden seit 1993 von der Bildungsorganisation der SPÖ und vom Renner-Institut vergeben. Bisherige Preisträger sind unter anderem Erich Hackl, Armin Thurnher, Ruth Klüger, Milo Dor, Jean Ziegler und Jeremy Rifkin. (APA)