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Mit Mahlers 2. Symphonie gibt das Radio Symphonie Orchester Freitag im Konzerthaus unter seinem neuen Chefdirigenten Bertrand de Billy ein kräftiges Lebenszeichen.

Foto: APA/Archiv KlangBogen

Nach übereinstimmendem Urteil hat das Radio Symphonie Orchester Wien durch Bertrand de Billy als neuen Chefdirigenten einen Qualitätsschub erfahren.


Wien - Es war in Barcelona, an jenem 11. September, von dem Bertrand de Billy am liebsten nichts mehr hören möchte. Da rief ihn seine Mutter ganz aufgeregt aus Paris an. Ob er schon wisse - das mit den zwei Türmen und dem Pentagon. Er wusste nicht.

Er wusste nur, dass er am Gran Teatro de Liceu, dessen Musikchef er damals schon war, gleich eine Probe beginnen würde. Bohème, Anfang, mit Orchester. Da stand auch schon der Betriebsrat vor ihm. Das eine Flugzeug, das später abstürzte, befand sich noch in der Luft, und keiner wusste noch, wo genau. Da tönte es vom Betriebsrat, dass man unter dem Eindruck so schrecklicher Vorgänge ja wirklich keinen Ton spielen könne und es daher wohl angezeigt wäre, die Probe abzusagen.

Musik trotz Terrors

Der damals 36-jährige Maestro war da allerdings ganz anderer Ansicht: "Wenn es diesen Terroristen gelingt, auch noch unsere Seelen zu töten, auch noch die Kunst zu zerstören, dann haben sie wirklich gewonnen. Ganz im Gegenteil, wir werden diesen Anfang der Bohème so leicht und so heiter spielen, wie wir ihn nie zuvor gespielt haben."

Und mit dieser Einstellung gelingt es ihm auch, das Radio Symphonie Orchester Wien trotz des ganzen Gelabers über etwaige Auslagerung oder gar Auflösung zu Höchstleistungen zu motivieren.

De Billy: "Die einzige Chance, die wir haben, ist: gut spielen. So gut, dass die Leute sagen, es wäre schade, wenn es dieses Orchester nicht mehr gäbe."

"Gut spielen", das ist natürlich leicht gesagt. Was heißt "gut spielen"? Ist doch jede Interpretation ein Vabanquespiel. Jeden Abend. Der Gewinn ist immer offen. Einmal fällt er höher aus, das andere Mal wieder weniger hoch.

De Billy: "Ich kann jetzt wirklich nicht sagen, wie ich Mahlers Auferstehungssymphonie am Freitag im Konzerthaus dirigieren werde. Ich kann mir ganz bestimmt nicht vornehmen, ,ich werde sie ganz ernst dirigieren'. Oder irgendwie anders.

Das hängt von so vielen Faktoren ab. Wenn es regnet, klingt alles ganz anders. Die Luft im Saal ist anders. Das Orchester reagiert anders. Auch ich reagiere anders. Wenn ich spüre, dass ein Musiker gut drauf ist, dann berücksichtige ich das natürlich in meinen Intentionen.

Wegweiser am Pult

Ich fühle mich eigentlich nur als Wegweiser durch das Werk. Und man kann immer wieder andere Wege einschlagen. Eine Interpretation hängt von unendlich vielen Faktoren ab. Deshalb fällt jede Wiedergabe anders aus."

Diese Freiheit kommt natürlich nicht von selbst. Die ergibt sich nur aus intensiver Probenarbeit. Da sind einmal die Noten. Doch die sind nicht alles. Schließlich gibt es noch Tempo und Dynamik. Und da betritt man dann schon ziemlich offenes Terrain. Auch wenn, wie de Billy zu rühmen weiß, gerade Gustav Mahler vor allem in seinen dynamischen Vorgaben äußerst äußerst präzise war.

Doch gerade bei den Blechbläsern ergeben sich heikle Fragen: Kann sein, dass sie heute voller und lauter klingen als zu Mahlers Zeiten. Da muss man alles schon ein bisschen modifizieren. Dann gilt es auch noch auf die Saalakustik Rücksicht zu nehmen. Und, last und wirklich not least, spielen die Auffassung und die innere Gestimmtheit jedes Einzelnen eine wesentliche Rolle für den Charakter einer Aufführung.

De Billy: "Bei Mahlers 2. Symphonie habe ich meinen Musikern gesagt, ,wenn Sie diese Symphonie für eine Totenmesse halten, dann wird sie auch so klingen. Fassen Sie sie lieber als Auferstehungssymphonie auf!' Und schon hörten sich dieselben Klänge ganz anders an."

Und ganz zum Schluss, unmittelbar vor der Aufführung, kommt de Billys letzter Appell: "Jetzt vergessen Sie alles. Fühlen Sie sich vollkommen frei!" Rien ne va plus. Va banque!

Dieses Nahverhältnis zur inneren Freiheit erwarb sich der französische Maestro wahrscheinlich schon in früher Jugend. In seinem Elternhaus. Niemand hatte etwas mit Musik am Hut. Die Eltern widmeten sich der Betreuung von Behinderten. Der eine Bruder wurde Chirurg, der andere Ingenieur. Er aber wollte schon von Kindesbeinen an Dirigent werden.

Start als Sopransolist

Auf Umwegen wurde er es auch. Begonnen hat alles mit Chorgesang. Schon bald durfte der Knabe in Aufführungen geistlicher Werke die Sopransoli singen. Danach folgte noch ein Geigenstudium.

De Billy: "Das war keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen wissen, in Frankreich gilt ein Musiker so gut wie gar nichts."

Und sogar die von Jesuiten geführte Pariser Eliteschule, in die man ihn schickte, bot ihm jede Freiheit. Er war von der Anwesenheitspflicht dispensiert, durfte zu Hause studieren und konnte kommen, wann er wollte.

Was Wunder, wenn seine Reflexionen über das Dirigieren in der Ansage gipfeln: "Mitunter denke ich, dass ein Dirigent überflüssig ist." (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2003)