Wien - Strahlenbehandlung gegen Krebs wirkt sich auf die weibliche Fruchtbarkeit noch negativer aus als bisher angenommen. Schon relativ geringe Bestrahlung könne einen großen Teil der Eizellen vernichten, berichten britische Forscher in der aktuellen Ausgabe von Human Reproduction. Mögliche Folgen: Unfruchtbarkeit und früherer Beginn der Wechseljahre.

Um dem entgegenzuwirken, wird am Wiener AKH eine neue Methode entwickelt: das "Ovarian Tissue Banking", die Errichtung von Eierstock-Gewebebanken. Das Verfahren wird derzeit für die ersten Wiener Patientinnen erprobt.

Ovarian Tissue Banking

Krebs wird üblicherweise mit zwölf bis dreißig Bestrahlungseinheiten behandelt. Untersuchungen haben nun ergeben, dass bereits zwei Gray die Hälfte aller Eizellen abtöten können. Bisher dachte man, dass dafür mindestens die doppelte Strahlungsmenge notwenig wäre. Eine Verringerung der Strahlendosen ist aber dennoch nicht möglich, da sonst Krebszellen nicht mehr abgetötet würden.

Daher setzen Wiener Wissenschafter unter Leitung vom Gynäkologen Johannes Huber auf "Ovarian Tissue Banking": das Einpflanzen von zuvor eingefrorenem und später aufgetautem Gewebe aus dem Eierstock, das nach der Implantation wieder anspringt und reife Eizellen produziert.

Tiefgefroren und reimplantiert

Anders als Sperma überleben isolierte reife Eizellen - wenn sie nicht befruchtet sind - das Einfrieren nicht. Das sie produzierende Eierstockgewebe hingegen schon. Eierstöcke sind von Geburt an mit einem Grundstock von bis zu zwei Millionen noch unreifer Follikel ausgestattet, deren Zahl kontinuierlich abnimmt. Bei der ersten Ovulation in der Pubertät beträgt sie noch rund 250.000, mit Beginn der Menopause gut 1000. Allerdings: Die Vorgänge während eines Zyklus - also auch die Reifung der Eizellen - sind wie in einer Art Gedächtnis im Eierstockgewebe gespeichert.

Dieses Gedächtnis machen sich die Forscher zunutze: Vor Strahlenbehandlung wird Gewebe aus dem Eierstock entnommen und tiefgefroren, danach reimplantiert - und nach wenigen Monaten springt der Zyklus wieder an.

"Im Tiermodell funktioniert es bestens", erklärt Huber, "derzeit wird die Methode für die ersten 25 Patientinnen getestet." Den Frauen wurde Eierstockgewebe entnommen, das noch eingefroren ist. Ihre Strahlenbehandlung ist bereits abgeschlossen, in Kürze soll ihnen das Gewebe reimplantiert werden. Dann zeigt sich, ob die Methode auch bei Menschen funktioniert. (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2003)