Graz - September 2002 im Grazer Café Thienfeld: Vor einer illustren Menge von Mittdreißigern spielt der Künstler Helmut S. elektronische Musik, als zwei Beamte des Wachzimmers Lend das Lokal betreten und Herrn S. auffordern, die Musik leiser zu drehen. Augenzeugen berichten, dass der Grazer daraufhin sein Programm beendet hätte, womit die Amtshandlung eigentlich abgeschlossen war.

"Brutales Vorgehen"

Doch der Abend entwickelte sich anders. Nach einer deutsch-englischen Rede zum Publikum, in der S. auch Gästen aus den USA das jähe Ende des Konzerts erklärte, wurden zehn Mann Verstärkung angefordert, und der verblüffte Musiker fand sich nach wenigen Minuten bäuchlings, die Hände in Handschellen am Rücken fixiert, am Boden wieder. 19 Zeugen, unter ihnen der Graz-2003-Marketingchef Hansjürgen Schmölzer und die Grünen-Landtagsabgeordnete Edith Zitz, bestätigen, dass der in der Folge "wehrlos wie ein Stück Vieh" abgeführte Herr S. nichts getan hätte, was das "schockierende und brutale Vorgehen" gerechtfertigt hätte.

Herr S. reichte eine Maßnahmenbeschwerde beim Unabhängigen Verwaltungssenat (UVS) ein, dessen Bescheid noch ausständig ist. Der Anwalt des Musikers, Christian Planinc, spricht von einer klaren Verletzung der Menschenrechte. Am Donnerstag stand S. nun als Angeklagter im selben Fall vor Gericht. Widerstand gegen die Staatsgewalt und schwere Körperverletzung lautete die Anklage.

Der zweite Anklagepunkt ist selbst für den Einsatzleiter der Polizei, der als Zeuge der Anklage auftritt, eine Überraschung: "Was, wegen dem ist er auch angeklagt?", fragt er vor Gericht. "Warum haben Sie Herrn S. verhaftet?", fragt der Anwalt weiter. Der Einsatzleiter gibt zu Protokoll, dass er sich an jenem Abend von S., der seiner Ausweispflicht nicht nachgekommen sei, durch eine englische Rede und dem Wort Idiot beleidigt gefühlt hätte. "Idiot" hat aber kein anderer Polizist und niemand aus dem Publikum gehört. Planinc fragt nach: "Können Sie Englisch?" Der Beamte: "Schulenglisch."

Der Musiker hatte an jenem Septemberabend einen Konzertmitschnitt geplant. Ein Band, auf dem man deutlich die Stimmen der Beamten, des - teilweise entsetzt schreienden - Publikums und jene von Herrn S. selbst hört, wurde vor Gericht abgespielt. Noch vor der Anhörung aller Zeugen der Verteidigung wurde S. daraufhin zu Mittag von Richterin Michaela Lapanje freigesprochen. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1.2003)