Goslar - In ein Café auf Goslars Marktplatz hat sich Gerhard Schröder mit Sigmar Gabriel zurückgezogen. Mit gezwungenem Lächeln ruft der Bundeskanzler beim Hinausgehen Journalisten zu: "Wir beide sind bekannt als Experten für die Zielgerade." Dieser Satz offenbart, wie schlecht es wenige Tage vor dem Urnengang um die SPD in Schröders Heimat Niedersachsen bestellt ist.

Bevor er in die Limousine steigt, holt ihn der Protest gegen seine Politik ein: Es taucht ein Pick-up der Jungen Union mit Lautsprechern auf, aus denen der "Steuersong" schallt, in dem Kanzlerimitator Elmar Brandt über die "Abzocke" der Regierung lästert.

Zuvor haben rund 900 Menschen Schröder und Gabriel im Odeon-Theater zugejubelt - für den aus Goslar stammenden Ministerpräsidenten war der Applaus deutlich stärker. Den meisten Beifall bekommt Gabriel, als er Richtung Schröder sagt, dass er über vieles, was in Berlin geschehen sei, "nicht ganz glücklich ist". Und mit einem treuherzigen Blick auf seinen politischen Ziehvater meint er, ein "bisschen Fingerhakeln mit Gerd" müsse sein. Schröder gibt zurück: Bei einem "freien Geist" müsse man eben auch Widerspruch ertragen.

Fast flehentlich bittet Schröder dann: "Helfen Sie, dass jemand, der zu den wenigen großartigen politischen Talenten gehört, gewinnt." Sein bei Wahlkampfauftritten übliches Victory-Zeichen lässt Schröder aber sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 31.1.2003)