Mistelbach/Korneuburg - "Ein bisschen schlucken habe ich schon müssen. Letzten Endes stehen auf schweren Betrug bis zu zehn Jahre Haft", schildert der niederösterreichische Tierarzt Thomas Müller. Die Neuigkeit, dass gegen ihn und 14 Kollegen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Korneuburg erstattet wurde, habe ihn "telefonisch durch einen Journalisten" ereilt.

Müller und seinen Kollegen wird vorgeworfen, in den Jahren 1995 bis 1999 rund 696.000 Trichinenuntersuchungen an Tieren im größ- ten heimischen Schweineschlachthof in Unterstinkenbrunn verrechnet, aber nur 180.000 wirklich durchgeführt zu haben. Der Verdacht habe sich nach Durchsicht der Schlachthof-Buchhaltung erhärtet: Aufgrund der bezogenen Mengen an Chemikalien die man für Trichinenuntersuchungen benötigt.

"Dieses Verfahren ist ein Witz!", alteriert sich Müller nun - und bezieht sich dabei auf die Chronologie der Ereignisse: Mitte Juni 2001 waren - wie DER STANDARD berichtete - alle 15 Beschautierärzte in Unterstinkenbrunn ihrer Funktion enthoben worden: Nach Zerwürfnissen mit dem Schlachthofinhaber, weil dieser - wie Müller betont - die Kontrollen weiter beschleunigen habe wollen.

Die bisherigen, auf freier Basis honorierten Veterinäre wurden durch sechs fix angestellte - und weitaus billiger kommende - Jungkollegen ersetzt. Als Arbeitgeber fungierte die Gemeinde: Ein "Modell", das von Tier- und Konsumentenschützern scharf kritisiert wurde.

Klage vor dem OGH

Dieser Ansicht schloss sich der Gesetzgeber an: Das novellierte Fleischuntersuchungsgesetz verbietet seit Anfang 2003 das "Unterstinkenbrunner Modell". Auch die geschassten Veterinäre wandten sich mit einer Anfechtung ihres Enthebungsbescheides an den Obersten Gerichtshof. "Und jetzt, nur drei Wochen später, ist die Anzeige gegen uns erfolgt", sieht Müller Zusammenhänge.

Auch Madeleine Petrovic, Spitzenkandidatin der Grünen, glaubt nicht an Zufälligkeiten: "Es drängt sich der Eindruck auf, dass es sich bei der Anzeige um eine Retourkutsche handelt." Eine Interpretation, der Niederösterreichs Landesveterinärdirektor Franz Karner jede Berechtigung abspricht: Die Angelegenheit sei "viel zu ernst", er wolle sich in das laufende Verfahren nicht einmischen.

In Korneuburg wurde die Anzeige indes an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Ob diese Anklage erhebt, ist noch nicht entschieden. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe 31.1.2003)