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Ein chinesischer Polizist in Peking begleitet die Neujahrszeremonie

Foto: Reuters/ ANDREW WONG

Peking - Nichts geht mehr. Dennoch sind alle unterwegs. Die Auflösung dieses Rätsels heißt auf Chinesisch "Chunjie", Frühlingsfest. Vom heutigen Freitag an beherrscht China nur noch der Gedanke an die traditionelle Feier des neuen Jahres, die mit einem Festessen im Familienkreis beginnt und mit einem Geister verscheuchenden Feuerwerk endet. Sie steht im Tierkreiszeichen des Schafes. Oder der Ziege. Mit dem Schriftzeichen "Yang" nimmt es China nicht genau.

Für Flugplätze, Bahnhöfe oder Busstationen gilt schon seit Mitte Jänner der freudig begrüßte Ausnahmezustand. Chinas 1,3 Milliarden Menschen werden bis zum 25. Februar 1,82 Milliarden Mal unterwegs gewesen sein, vorwiegend mit Bus und Auto, haben die Staatsplaner vorgerechnet.

Sieben Tage Völkerwanderung

40 Tage lang liefert sich China freiwillig der größten Völkerwanderung aller Zeiten aus, für die der Staat seinen Bürgern offiziell sieben Tage Urlaub gibt. Die Universitäten stehen leer, fast alle Baustellen still. Die sich in Städten verdingten rund 90 Millionen bäuerlichen Wanderarbeiter drängen beladen mit Geschenken nach Hause.

Das Parteiorgan Volkszeitung verbannte sogar ihre Irak-Berichterstattung an hinterste Stelle. Mehr Mühe gab sie sich mit der Aufklärung uralter rätselhafter Glückssprüche über Schafe, die sich aus Chinas legendärem "Orakelbuch der Wandlungen" ableiten.

Das "Jahr des Klons"

Die Metropole Schanghai feiert das "Jahr des Klons" und lädt ihre Bürger ein, 16 Ziegen im Wildpark zu bewundern. Die Tiere sind alle geklont.

Der neue Mittelstand zieht dem Familienfest die Auslandsreise vor. In Thailand, Singapur und Malaysia haben sich volksrepublikanische Reisegruppen an die Spitze des Massentourismus gesetzt. Sie erobern sich wie einst die Japaner touristisch Australien oder Kanada. Als erstes europäisches Land wird bald auch Deutschland vom neuen Fernosttourismus profitieren.

Zu Hause lässt China seine volkstümlichen Traditionen aufleben. Tausende Bauern-und Jahrmärkte locken mit Löwen- und Drachentän- zen, Kungfu-Kämpfen bis Hightech-Zirkus und Inline-skating. Im Tempel werden kaiserliche Opferzeremonien nachgespielt, nebenan Karaoke-Lieder geplärrt.

Spatz am Spieß

An Imbissständen gibt es gruselige Leckerbissen wie Spatz am Spieß, gebratene Heuschrecken, Käfer und Skorpione.

Als außergewöhnlich wurde ein Gelage registriert, zu dem ein kantonesischer Unternehmer seine Geschäftsfreunde in die alte Hauptstadt Xian einlud. Die Zwölferrunde probierte in fünf Stunden alles durch, was was die traditionelle Hofküche "Man Han Quanxi" mit ihren 108 Gerichten einst auch Pekinger Mandschu- und Qingkaisern bot. Vom Karpfen lutschten die Feinschmecker nur Barthaare. Sie ließen sich seltenes Wildbret auftischen und wählten uralten Schnaps, von dem der halbe Liter 2000 Euro kostet.

Sie delektierten sich an einem aus Sojasprossen gestalteten Storch zu 1200 Euro. Sie schlürften Tee, der so teuer ist, dass er nur grammweise verkauft wird. 366.000 Yuan (45.000 Euro) kostete am Ende das einen halben Monat lang vorbereitete Menü - der Dreier am Anfang der Rechnungssumme stand für das neue Jahr 2003, mit den Glücksziffern 66 wünschte man sich Erfolg. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 31.1.2003)