San Antonio - Wenn dieser Zustand bei einem Schwerkranken eintritt, läuten alle Alarmklingeln - später allerdings oft auch die Totenglocken: Sepsis. Weltweit sterben pro Tag rund 1.400 Menschen an dieser schwersten Komplikation von Infektionen, Brandverletzungen und Unfällen. Die Todesrate beträgt dreißig Prozent innerhalb eines Monats. In Österreich erkranken rund 6.600 Personen jährlich daran. Beim Jahreskongress der Amerikanischen Gesellschaft für Intensivmedizin in San Antonio (US-Bundesstaat Texas, 30.Jänner bis 2. Februar) geht es auch um die neuesten Fortschritte auf diesem Gebiet.

Gerade in den vergangenen wurde die Therapie der Sepsis (Blutvergiftung) deutlich verbessert. Mit einem gentechnisch hergestellten aktivierten Protein C, das den Patienten möglichst früh vier Tage lang als Dauerinfusion verabreicht wird, konnte die Todesrate im Vergleich zu einer Nichtanwendung bei Sepsis-Patienten um 19,4 Prozent bzw. absolut um 6,1 Prozent verringert werden. Doch insgesamt bleibt die Behandlung dieser schweren Komplikation diffizil, ein "Durchbruch", der das Problem schlagartig beseitigt, fehlt.

Kaskade an Ereignissen

Fieber, erhöhter Pulsschlag, Atemnot, Blutungerinnungsstörungen (Verstopfung vieler Blutgefäße durch auftretende Thromben oder auch innere Blutungen) sowie das Versagen von oft gleich mehreren Organen sind eine Kaskade an Ereignissen, welche die Sepsis charakterisieren. Dabei ist die Sepsis mehr eine Reaktion auf akute Erkrankungen oder Verletzungen als eine eigenständige Krankheit.

Am Beispiel der Sepsis als Folge einer bakteriellen Infektion erklärte der US-Wissenschafter Lewis Thomas: "Es ist unsere (Immun-)Antwort auf Mikroorganismen, welche diese 'Krankheit' verursachen. Unser Arsenal, Bakterien zu bekämpfen ist so mächtig, dass wir durch es mehr gefährdet sind als durch die Eindringlinge selbst."

Abhilfe

Allgemein wird unter Sepsis von den Fachleuten eine starke und den ganzen Organismus betreffende entzündliche Reaktion - zum Beispiel auf eine Infektion - verstanden. Daraus leiteten sich auch - mittlerweile schon jahrzehntelang - Versuche ab, die Sepsis neben einer extrem hoch dosierten Antibiotika-Therapie, Beatmung, Flüssigkeitsersatz etc. durch antientzündliche Maßnahmen zu bekämpfen.

Eines der ersten Mittel dabei war hoch dosiertes Cortison. Doch die Erfolge waren sehr beschränkt. "Die Verabreichung von großen Mengen an Cortison bei Sepsis-Patienten erhöht nicht die Überlebensrate und kann das Resultat durch mehr zusätzliche Infektionen, da das Immunsystem geschwächt ist, sogar verschlechtern", schrieben die US-Fachleute Richard S. Hotchkiss und Irene E. Karl vor Kurzem.

Ablauf

Genau so wie mit Cortison schlugen in den vergangenen Jahren auch viele andere Versuche mit moderneren gegen die bei der Sepsis auftretende generalisierte Entzündung fehl. Auch namhafte Biotech-Unternehmen kamen dabei ins Trudeln: Antikörper gegen Endotoxine, Gegenspieler zu dem stärksten körpereigenen Entzündungsverursacher Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-alpha) und zu Interleukin-1 (Il-1). Das führte zu Zweifeln an dem Konzept, dass die Sepis wirklich eine Entzündung sei.

Mittlerweile wird die "Blutvergiftung" als ein mehrstufiger Prozess verstanden, bei dem durchaus widersprüchliche Charakteristika zum Tragen kommen.

Genaue Todesursache unklar

Erschwerend kommt dazu, dass man eigentlich noch gar nicht weiß, warum Sepsis-Patienten sterben. "Bisher haben noch keine pathologischen Studien den Schleier des Geheimnisses gelüftet, warum Menschen mit Sepsis sterben. Manchmal erliegen sie einem Schock. Doch das ist die Ausnahme. Obwohl solche Patienten eine starke Einschränkung der Herzfunktion aufweisen, wird sie durch eine Vergrößerung des Herzmuskels und eine schnellem Herzschlag zumeist aufrecht erhalten. Obwohl die Patienten oft akute Lungenfunktionsstörungen entwickeln, sterben die Patienten selten an Sauerstoffmangel. - Und obwohl ein Nierenversagen häufig vorkommt, ist das nicht die Todesursache, weil es die Blutwäsche gibt, schrieben die US-Experten Richard S. Hotchkiss und Irene E. Karl.

Verbesserungen

Doch obwohl man also nicht den eigentlichen Grund für das Sterben der Sepsis-Kranken eindeutig - so es diese eine Ursache wirklich gibt - kennt, gibt es doch etliche Verbesserungen: Das aktivierte Protein C greift - es sollte offenbar möglichst früh verwendet werden - regelnd in die Blutgerinnung ein verhindert so lebensgefährliche Folgen des Zusammenbruchs der Blutversorgung bis hin zu kleinsten Blutgefäßen.

Wenn man bei Intensivstation-Patienten durch eine Insulin-Therapie den Blutzuckerspiegel auf einem normalen Niveau zwischen 80 und 110 Milligramm pro Deziliter Blut hält, ist das offenbar für einen Teil der Betroffenen lebensrettend. Sofort sollte auch im Verdachtsfall eine penible Kontrolle des Flüssigkeitshaushaltes erfolgen.

Neue Strategien

Doch es gibt auch gänzlich neue Strategien: Wissenschafter wollen durch die Verabreichung des Immunbotenstoffs Interleukin-12 (IL-12) die geschwächte Immunabwehr bei Sepsis-Patienten wieder stärken. Das wirkte bereits bei Menschen mit großflächigen schweren Verbrennungen.

Hinzu kommt, dass derzeit Antikörper erprobt werden, welche die potenziell unspezifisch wirkende Immunabwehr - bei der Sepis gegen den eigenen Körper gerichtet - von so genannten Komplementfaktoren blockieren sollen. Auch das hat bereits Menschen das Leben gerettet.

Doch am wichtigsten könnten jene genetischen Forschungen werden, die erklären sollen, warum manche Menschen eher für Sepis anfällig werden, andere wiederum nicht. Das könnte die entscheidenden Hinweise für zukünftige Strategien bringen. (APA)