Baden/Wien - Obwohl im Jänner in Österreich die höchste Arbeitslosigkeit seit Bestehen der 2. Republik verzeichnet wurde, warnt die Wirtschaft vor einem heute bereits absehbaren Mangel an Arbeitskräften. Die politische "Rezepte" gegen diese Entwicklung standen im Mittelpunkt einer von der Industriesparte der Wirtschaftskammer (WKÖ) organisierten Veranstaltung in Baden bei Wien.

Laut einer Wifo-Studie fehlen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt bereits 2008 rund 165.000 Beschäftigte.

Während die Bevölkerungsstruktur wegen der voll im Erwerbsleben stehenden Babyboomer-Generation heute noch sehr günstig ist, wird sich dies schon bald ändern, erläuterten Alexander Hoffmann, Wirtschaftspolitik-Experte der Kammer und Thomas Fent vom Demographischen Institut der Akademie der Wissenschaften.

Ab spätestens 2010 kommen Immer weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter auf den Arbeitsmarkt, die entstehenden Lücken können nur durch eine Reihe von Maßnahmen gestopft werden, beispielsweise durch eine Verkürzung der langen Ausbildungszeiten oder einen späteren Pensionsantritt. Die demographische Situation wird Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung, aber auch zur Förderung der Gesundheit der Arbeitnehmer erfordern, waren sich die Experten einig.

Besonders wichtig sei es auch, für die Frauen Beruf und Familie vereinbarer zu machen, hieß es. "Würde es gelingen, die Erwerbstätigkeit der Frauen auf das Niveau der Männer anzuheben, gewinnen wir im Jahr 2050 500.000 zusätzliche Arbeitskräfte", stellte Fent eine Modellrechnung an. Um das Bevölkerungsproblem längerfristig in den Griff zu bekommen, muss freilich auch die Geburtenrate von derzeit statistisch 1,3 Kindern wieder auf 2,1 Kinder wachsen.

Hoffmann warnte davor, allzu starke Hoffnungen in einen Zuzug von Arbeitskräften - etwa aus Osteuropa - zu setzen: "Dass wir das Problem durch steigende Migration lösen könnten, ist nicht der Fall." Osteuropa habe eine ähnlich ungünstige Bevölkerungsstruktur wie Westeuropa und werde selbst rasch an der Überalterung zu leiden haben, wenn eine starke Abwanderung einsetze.

Martin Gleitsmann, Sozialexperte der Wirtschaftskammer und Chef der österreichischen Sozialversicherungen, forderte unter anderem weitere Förderungen für die berufliche Weiterbildung und eine Reform der Zumutbarkeitsbestimmungen für die Annahme von Arbeit. Die Altersteilzeit solle beibehalten werden, aber so adaptiert werden, dass ein Missbrauch weniger leicht möglich sei.

Die Altersvorsorge müsse "nachhaltig und mit der Perspektive 2050 reformiert" werden, forderte Gleitsmann. Statt eines Durchrechnungszeitraumes von derzeit nur 15 bzw. 18 Jahren solle für die Pensionsbemessung das gesamte Arbeitsleben herangezogen, das Pensionsantrittsalter der Frauen schneller an jenes der Männer angeglichen werden als bisher geplant. Schließlich gehe es um eine "intergenerative Gerechtigkeit", meint Gleitsmann - auch die heutigen Pensionisten müssten in eine solche Pensionsreform einbezogen werden.

Die Alterung sei auch mit ein Grund, warum die Veränderungen bald passieren müssten: "Jedes Jahr, das wir verlieren, desto schwieriger wird es demokratiepolitisch, diese Reform durchzuführen" - weil es nämlich immer mehr Pensionisten gebe.

Werner Tessmar-Pfohl, Obmann der WKÖ-Industriesparte, forderte, Betriebe für die Einstellung älterer Arbeitsloser gezielt bei den Lohnnebenkosten zu entlasten. Ein verstärkter Kündigungsschutz für Ältere, sei kontraproduktiv, weil er die Neueinstellungschancen älterer Arbeitnehmer eher noch verschlechtere. (APA)