Als einziges Staatsoberhaupt hat Tschechiens Václav Havel die umstrittene Solidaritätserklärung mit den USA unterschrieben. Von den anderen zwei jungen mitteleuropäischen Nato-Ländern Polen und Ungarn unterzeichneten die Regierungschefs Leszek Miller und Péter Medgyessy. Eine Ironie der europäischen Zeitgeschichte: Miller, der einstige kommunistische "Betonkopf", und Medgyessy, ehemaliger Offizier des kommunistischen Geheimdienstes, eines Sinnes mit dem früheren, von den Kommunisten verfolgten Dissidenten.

Aus unterschiedlichen Erfahrungen kamen alle drei offenbar zum selben Schluss: Als Satelliten der Sowjetunion hatten ihre Länder keine Wahl. Jetzt haben sie sie, und jetzt wollen sie auf der richtigen Seite stehen. Mag bei Miller und Medgyessy nüchterne Realpolitik mit entscheidend gewesen sein, so erheben sich im Fall Havels doch einige Fragen.

Noch am Vorabend des Prager Nato-Gipfels im November warnte der tschechische Präsident kaum verhüllt vor einem US- Alleingang gegen den Irak. Was hat den offensichtlichen Sinneswandel bewirkt? Allein die Erkenntnis, dass das Problem Saddam Hussein eben doch nur mit Gewalt zu lösen sei? Oder sollen hier ein letztes Mal auch Rechnungen mit Havels zahlreichen innenpolitischen Gegnern beglichen werden?

Havel ließ mitteilen, die Erklärung stehe in voller Übereinstimmung mit der Sicherheitsratsresolution 1441 (Androhung ernster Konsequenzen). Die Regierung wiederum verweist auf den Parlamentsbeschluss, wonach Tschechien eine Militäraktion nur auf Basis einer weiteren UN-Resolution unterstütze. Rein nach dem Wortlaut ist die Solidaritätsadresse kein Widerspruch dazu. Dennoch muss der Eindruck entstehen, dass Havel das Parlament als Vertreter des Volkes, also des Souveräns, desavouiert. Das gibt dem politischen Abgang dieser unbestritten großen europäischen Persönlichkeit eine herbe Note.(DER STANDARD, PRINTAUSGABE, 1./2.2.2003)