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Klaus Bonanomi

St. Moritz - Natürlich kann man in St. Moritz auch in der Jugendherberge übernachten, für 50 Franken im Mehrbettzimmer, Abendessen und Leintuchschlafsack inklusive. Doch die angemessenere Unterkunft ist eher die Presidential Suite im neu eröffneten Kempinski Grand Hôtel zu 8176 Euro die Nacht für zwei Personen. Krise hin, Kriegsangst her - auch in diesen Zeiten gibt es Leute, die sich das leisten können und wollen, die Jetset-Gäste, die reichen und einflussreichen Unternehmer, Adligen, Medienleute und Showbiz-Stars, die ihre Dollars, Franken und Euro in den Edelboutiquen von Versace, Gucci, Bally oder Louis Vuitton liegen lassen und bei deren Partys der Champagner sprudelt.

Die Schweizer Illustrierte zeigte jüngst auf einer achtseitigen Fotostrecke, welche prominenten Partygänger auch diesmal wieder über Weihnachten und Neujahr in St. Moritz waren - Tina Turner und Klaus J. Jacobs, die Flick-Brüder und der milliardenschwere Rohstoffhändler Marc Rich, Banker Lukas Mühlemann, Prinz Alexander zu Schaumburg-Lippe, Alessandra Gucci und Liz Hurley.

Rechtzeitig zur Skiweltmeisterschaft hat sich St. Moritz ein Facelifting verordnet - eine Milliarde Franken, fast 700 Millionen Euro, ließ man sich das Rundumerneuerungsprogramm für Bergbahnen, Hotels, Geschäfte und Verkehrsinfrastruktur kosten. Viel schöner ist St. Moritz deswegen nicht geworden. Den Charme eines heimeligen Bergdorfs hat der Kurort ohnehin nie versprüht; die alten und neuen Beton-Glas-Bruchstein-Arvenholz-Konstruktionen, ein Mix aus rustikaler Alpenbauweise und monumentalem Zuckerbäckerstil, verleiteten den Trendguru Tyler Brûlé zur Aussage, es sei schon "merkwürdig, dass sich in einer der führenden Tourismusenklaven der Schweiz so viel Mittelmäßigkeit breit machen darf. Schneller Profit, langfristiger Schaden?", schrieb er in seiner Kolumne in der NZZ am Sonntag.

Wer es sich leisten kann, kauft darum seine Wohnung nicht in St. Moritz, sondern in einem der benachbarten Engadiner Dörfer - Sils-Maria oder Pontresina, Madulain oder Bever bieten zurzeit noch viel mehr Charme. Doch die Entwicklung erfasst zunehmend auch diese Orte; vor allem der Zweitwohnungsbau hat ein vernünftiges Maß schon lange überschritten, verschandelt auch zusehends die schöne Engadiner Landschaft und treibt die Preise in die Höhe.


Leben und Löhne

Die Bevölkerungszahl von St. Moritz nimmt stetig ab; zurzeit wohnen noch 5200 Menschen hier, wo das Leben so teuer ist wie in Zürich, die Löhne aber denen einer Randregion entsprechen. Wer im Monat so viel verdient, wie das beste Zimmer in Badrutt's Palace Hotel für eine Nacht kostet, hat Mühe, eine einigermaßen erschwingliche Wohnung zu finden. Und auch die im Engadin ursprünglich weit verbreitete rätoromanische Sprache wird immer weniger gesprochen, obwohl der Schweizer Staat den Niedergang der vierten Landessprache mit großzügigen Zuschüssen zu verlangsamen versucht.

Das Schönste an St. Moritz ist darum immer noch die Anreise mit dem Zug: Keine andere Bahnstrecke in den Alpen ist annähernd so spektakulär wie die Rhätische Bahn, die sich vom Kantonshauptort Chur via Filisur und Bergün durch tiefe Schluchten, über hohe Viadukte, Kehrtunnels und Haarnadelkurven ins Engadin hinaufwindet. Und lohnenswert bleibt der Blick auf die herrliche Bergwelt mit Piz Bernina, Piz Languard und Piz Rosatsch, zum Beispiel vom Panorama-Aussichtspunkt Muottas Muragl aus, wo der Maler Giovanni Segantini seine lichtdurchfluteten und strahlenden Bilder schuf, die nun im renovierten, ihm gewidmeten Museum in St. Moritz zu sehen sind.

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 1./2. 2. 2003)