Wien/Baden- Die Konjunkturflaute hat im abgelaufenen Jahr voll auf den heimischen Arbeitsmarkt durchgeschlagen. Im Jahresdurchschnitt 2002 waren 232.418 Menschen arbeitslos gemeldet, ein Anstieg gegenüber 2001 um 14 Prozent oder 28.535 Betroffene. Der Anstieg der Arbeitslosenquote von 6,1 auf 6,9 Prozent war der zweithöchste prozentuelle Jahresanstieg seit 1945, sagt Hans Hruda, Qualifikationsexperte beim Arbeitsmarktservice Österreich (AMS). Nur von 1992 auf 1993 stieg die Arbeitslosenquote stärker, damals um 0,9 Prozentpunkte.

Betroffen waren - wie berichtet - vor allem jüngere (15 bis 24-Jährige) und ältere Erwerbstätige. Bei den über 50-Jährigen, jene Altersgruppe, die seit der Pensionsreform 2000 erst um eineinhalb Jahre später in Frühpension gehen kann, und "Hauptzielgruppe" des geplanten völligen Auslaufens der Frühpension ab 2004 ist, befindet sich jeder fünfte Arbeitslose. Konkret: Bei den über 50-Jährigen stieg die Arbeitslosigkeit im Vorjahr um 12,9 Prozent auf 48.368 Betroffene.

Finanzprobleme

Entspannung auf dem Arbeitsmarkt erwarten Demografen erst ab 2005/06, wenn die Erwerbsbevölkerung zuerst langsam und in den Folgejahren relativ rasch schrumpfen wird. Wie auf einer Industrieveranstaltung in Baden bei Wien aus den verschiedensten Blickwinkeln diskutiert, käme es dann - ohne baldige Reformen - zu großen Finanzierungsproblemen im Sozialsystem.

  • Arbeitsmarkt:

    Laut Studien wird der Produktivitäts-Höhepunkt von Beschäftigten mit dem 40. Lebensjahr überschritten. Zunehmend alternde Belegschaften stellen Betriebe vor neue Herausforderungen in der innerbetrieblichen Weiterbildung. Auch im gesamten Bildungssystem müssten neue Weichenstellungen hin zu kürzeren, praxisorientierteren Ausbildungswegen getroffen werden, sagten Wirtschaftsvertreter. Laut AMS-Statistik haben 83 Prozent aller Arbeitslosen nur einen Pflichtschul- oder Lehrabschluss.

  • Pensionen:

    Der Demograf Thoma Fent hält die Anhebung der niedrigen Frauenerwerbsquote für erfolgversprechender als die Abschaffung der Frühpensionen oder den Versuch, ausländische Arbeitskräfte ins Land zu holen. Nötig wären Maßnahmen zur leichteren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Studien zeigten, dass der Ausländer-Bedarf Deutschlands, Österreichs und Italiens das Potential in den Erweiterungsländern weit übersteige.

  • Gesundheit:

    Vor massive Finanzierungsprobleme stellt das Altern der Bevölkerung auch das Gesundheitssystem und den Pflegesektor. Demgegenüber hält der Gesundheitsökonom Christian Köck die technologische Entwicklung der moderen Medizin für den mit Abstand stärksten Kostentreiber. Laut Köck ließen sich ohne Qualitätsverlust zwei Mrd. Euro pro Jahr einsparen, wenn die Zahl der Krankenhausbetten und die Verweildauer in Spitälern auf vergleichbare europäische Werte abgesenkt würden.

(DER STANDARD Print-Ausgabe, 1.2.2003)