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Zynisch gesagt: Wenn heutzutage ein Sturm ein Hausdach abdeckt, werden sogar in Lokalzeitungen mittlerweile Analogien mit der Katastrophe im New Yorker World Trade Center gesucht. So konnte man etwa im letzten Sommer in einem Kommentar in der Oberösterreichischen Rundschau sinngemäß folgende schöne Zeilen lesen: "Das Hochwasser ist unser 9/11." Kein Wunder, dass auch Stewart O'Nans literarisch-journalistische Rekonstruktion eines Zirkusbrands im US-Bundesstaat Connecticut aus dem Sommer 1944, obwohl in den USA schon 2000 erschienen, in der Rezeption gleich einmal in das 9/11-Genre eingemeindet wurde. Damals starben aus bis heute ungeklärten Ursachen bei einer Nachmittagsvorstellung der Ringling Brothers and Barnum & Bailey in der Stadt Hartford, angekündigt als "Die größte Schau der Welt", insgesamt 167 Menschen in den Flammen. Obwohl bei diesem bis heute größtem Unglück in der Geschichte Connecticuts gut 8000 Menschen der Feuerhölle unverletzt entkamen, verdrängten Schlagzeilen über den Brand für eine Woche lang die möglicherweise ungleich tragischeren Kriegsereignisse in Europa und Südostasien von den Titelseiten. Allerdings wurde das Unglück unverständlicherweise nie richtig aufgearbeitet. Bis zu dem Zeitpunkt, als Erfolgsautor Stewart O'Nan ( Engel im Schnee , Die Speed Queen , zuletzt Das Glück der anderen ) mit seiner Familie nach Hartford zog und sich anfangs eher mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Schaffensdrang damit zu beschäftigen begann. Über die Sichtung des vorhandenen Materials in diversen Archiven und dem Aufspüren noch lebender Augenzeugen interessierte sich O'Nan allerdings zunehmend fürs Thema und unternahm schließlich eine Rechercherarbeit, die ihn laut Selbsteinschätzung schließlich "zum Hüter des Brandes" werden ließ. Der 41-jährige Erzähler stellt mit seiner vordergründig emotionslosen, sprachlich mitunter wortkargen, ja gar trockenen Sprache gerade mit seinem letzten Roman Das Glück der anderen aus 1999 und der ebenfalls auf realen Geschehnissen basierenden Schilderung einer Diphterie-Epidemie so etwas Ähnliches wie die US-amerikanische Variante eines Christoph Ransmayr dar.

Dank seines erwähnten Debüts Engel im Schnee aus '94 und einer Neudeutung des "American Gothic"-Genres wird er laut Hamburger Spiegel als "einer der besten Erzähler seiner Generation" gewertet. Was alles leicht nachvollziehbar ist: Auch mit der Lebensbeichte der Speed-Queen, einer in der Todeszelle sitzenden Serienkillerin, und ihrer scheinbar ungerührten "Oral History" eines sittlichen Verfalls trifft O'Nan immer wieder einen Tonfall, der trotz aller historisch übermächtigen Vorbilder (H.P. Lovecraft und Edgar Allan Poe ohne Drogen, dafür motorisiert) das Bedürfnis nach Grusel im Alltag eines Publikums zu befriedigen scheint, das sich trotz Kriegsgefahr und New Economy und New Tagesfreizeit immer noch nicht genug zu gruseln scheint.

Sieht man einmal - aufgepasst, hier geht es noch immer zynisch zu! - von der offensichtlichen Banalität eines vergleichsweise kleinen Ereignisses wie dem Flammentod von 167 Menschen und gerade auch Kindern (!!!) im Jahr 1944 ab; immerhin sollten ein halbes Jahr später, sagen wir, am 13. Februar 1945 in Dresden, ungleich mehr Leute in einer Flammenhölle umkommen (siehe auch Jörg Friedrichs aktuelle Studie Der Brand): Es sind die minutiösen Nachstellungen, die in Der Zirkusbrand so faszinieren.

Aller "Zauber" und alle "Verstörung", die dieses Buch so ungemein - und dies wörtlich zu nehmen - unter die Haut gehen lassen, liegen nicht etwa darin begründet, dass hier gute alte US-Recherche-Akribie bis hin zu vernachlässigbaren Details betrieben wird. Etwa wenn das Zirkusorchester, historisch offenbar belegt, bis zu seinem tatsächlich letalen Ende das Stück The Stars And Stripes Forever spielt, um das ausbrechende Chaos unter den Besuchern halbwegs einzudämmen. Ausgehend von Sätzen wie: "In den Fluren roch es nach geröstetem Fleisch", entwirft Stewart O'Nan gerade in der den Leser oft schaudernd machenden Schilderung von Einzelschicksalen an diesem Tag ein Panoptikum des Grauens, das weit über die Bereiche des Journalismus hinaus geht: "Seine Arme sahen aus, als hätte er einen Sonnenbrand. Die Haut schälte sich bereits überall, und aus dem darunter liegenden Zellgewebe trat Flüssigkeit aus. Aus der Spitze seines Zeigefingers ragte der Knochen hervor. Donald hatte keine Angst, sondern war eher verblüfft, sprachlos . . ."

Laut der New York Times aus 2000 handelt es sich hier um einen "Kriegsbericht". Die Aufrüstung findet immer zuerst in den Köpfen statt. Was keiner wahrhaben will: Der Tod ist dann oft ganz banal. (Christian Schachinger , DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 1./2.2.2003)