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Was macht eine Frau mit einem 42-jährigen Mann, der zwar voller Eitelkeit und mit philosophischem Interesse ausgestattet ist, sich aber ohne Ehrgeiz und als Gelegenheitstexter durchs Leben schlägt? Richtig: Babette, die genervte Freundin, hält den sympathischen Taugenichts und ewigen Studenten Jakob Immer erst einmal auf Abstand und schickt ihn für einige Zeit nach Hause, nach Wetzlar. Dort lebt Jakobs Großonkel, der Protestant und Philosoph Wilhelm Immer, von dort soll Jakob seiner Babette Briefe schreiben - schließlich, so das romantische Kalkül, ließ schon Goethe sein Jugendwerk Die Leiden des jungen Werther in Wetzlar spielen.

Doch die Beziehungskrise tritt schnell in den Hintergrund. "Erzähl mir von Wilhelm!" lautet bald die Bitte Babettes, die intuitiv erfasst, dass alle Leseerfahrung ihres von der Midlifecrisis geplagten Freundes nicht gegen die Lebenserfahrung eines Hundertjährigen ankommt. Folgerichtig schreibt Jakob in fast jedem E-Mail - die Briefe der modernen Zeit - von seinem Großonkel. Und Wunderliches, Skurriles, Humoriges gibt es auch genügend zu berichten: Wilhelm verlor seine linke Hand 1918 im Krieg bei Langemark in Flandern, ließ sich dafür aber eine Dürerhand schnitzen - quasi als Ausgleich. Er plaudert am liebsten mit seinem Freund Hans-Georg und will mit den Ränken, die die "zwei weisen Greise" am Telefon schmieden, den philosophischen Universitätsbetrieb gründlich aufs Kreuz legen. Zudem ist er überzeugter Antikatholik und setzt seinen Johannes-Heesters-Charme gezielt ein, um sich mittels Viagra und seiner Apothekerin "noch ein paar freudige Tage" gönnen zu können. Seinen Rover (das heißt Freibeuter auf Englisch) hat er sich letztlich nur gekauft, um britische Gewerkschafter gegen BMW zu unterstützen. Und so freudig, wie er Urteile fällt, so strikt besteht der greise Schöngeist auf Unterschieden, die, so Wilhelm, für die Ewigkeit festgeschrieben sind: hier die guten Protestanten, dort die schlechten Katholiken.

Wie Goethe hat auch Untucht sein Debütwerk als Briefroman konzipiert - allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Die E-Mails seines Jakob Immer erstrecken sich von Dezember 1999 bis Mai 2000, Goethes Werther schrieb seine Briefe von Mai bis Dezember. Auch endet Zwei hinterm Limes nicht mit dem Tod des Liebenden - der Roman beginnt mit dem Tod des geliebten Großonkels. Goethe, der immerhin einige Monate als Gerichtsassistent in Wetzlar lebte und anschließend den "Werther" schrieb, brachte es fertig, die Ortschaft mit keiner Silbe namentlich zu erwähnen. Das konnte Autor Untucht, in Wetzlar geboren, natürlich nicht auf sich sitzen lassen - Wetzlar ist der zentrale Ausgangspunkt seines Buches und Jakob arbeitet nicht zufällig an einem Essay über den "Werther".

Der Titel des Romans verweist aber noch auf etwas anderes: Der Limes bezeichnet den Grenzwall, den die Römer einst durch das Gebiet der Germanen gezogen haben. Von Rom aus gedacht liegt Wetzlar hinterm Limes - und der war lange Zeit auch die Grenze zwischen Katholizismus und Protestantismus. Wenn Wilhelm mit seinem Jakob nach Brügge fährt, weil er dort zum letzten Mal in seinem Leben mit zwei Händen essen konnte, dann steht dahinter mehr als ein simples Überqueren imaginärer und echter Grenzen: Es ist der Versuch, Unvereinbares zu versöhnen, Grenzen zu verwischen - was Jakob denn auch den ganzen Roman lang versucht, indem er fortwährend darüber spricht.

In jeder Zeile ist dabei die Erzähllust des Autors zu spüren, der oft und gerne abschweift, sich auch mal weitschweifig den Beinen einstiger Kindergärtnerinnen widmet. Vielleicht sind die zahlreichen Anspielungen auf Theodor Adorno, Martin Heidegger oder Hans-Georg Gadamer dem einen oder anderen Leser etwas zu viel - doch Untucht schneidet nur Themen an, die ohnehin wieder in der Luft liegen: freiwillige oder erzwungene Grenzübertritte, der Kampf der Kulturen und Religionen, bevorstehende Waffengänge der westlichen Welt gegen sich angeblich unbotmäßig benehmende Staaten. Den Spaß am Lesen beeinträchtigt das alles jedenfalls nicht: Selten hat ein intellektuelles Vexierspiel so viel Vergnügen bereitet. (Günther Fischer, DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 1./2.2.2003)