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Aus Sicht der Soziologin Gölen ist der Schleier zu einem Zeichen der Macht, des Protests und des Prestiges geworden.
APA/Schlager

Wien - "Über den Umgang Europas mit islamischer Kultur" referierte die Soziologin Nilüfer Göle gestern, Mittwoch, anlässlich der Ausstellung "Mahrem - Anmerkungen zum Schleier" im project space karlsplatz. Im Zentrum stand das Zusammenleben von MuslimInnen und EuropäerInnen, die sich nicht selten an Diskussionen über äußerlichen "Zeichen" wie dem Kopftuch manifestiert.

Funktion des Schleiers und seine Effekte

Im Sinne einer "Neuinterpretation von Säkularisierung" analysierte die in Paris lebende Wissenschaftlerin die immer weniger als religiöses Zeichen interpretierte Funktion des Schleiers und die damit einhergehenden Veränderungen im europäischen Denken.

"In Frankreich war die Kopftuch-Debatte am stärksten", meint Göle einleitend. Zwei Jahre lang habe der Diskurs die Öffentlichkeit beschäftigt. Auffallend sei seitdem die zunehmende Veränderung der Begriffe gewesen, das Bestreben, "korrekte" islamische Wörter für typisch islamische Dinge wie etwa das Kopftuch zu verwenden. "In den letzten Jahren hat eine semantische Verschiebung stattgefunden", so Göle, die den Weg der Differenzierung vom nicht immer positiv konnotierten "Kopftuch" über "Schleier" bis hin zu "Burka" und "Hidschab" nachzeichnete.

Ein Zeichen des Prestiges

Gleichzeitig habe sich der Schleier auch als Symbol verändert: In gewisser Hinsicht sei er zu einem Zeichen der Macht geworden, des Protests. Zur selben Zeit sei er auch ein Ausdruck von Prestige, nicht nur in islamischen Ländern sei das Tragen eines Kopftuchs zur Modefrage geworden. In Europa hingegen werde der Schleier trotz der Veränderungen immer noch als "Symbol religiöser Unterschiede" gesehen.

"Das Tragen eines Schleiers beginnt für uns alle von Belang zu werden", analysiert Göle, "es ist nicht mehr eine reine Sache der Muslime". Mittlerweile versuchten wir sogar, muslimische Geschichte zu verstehen, um die muslimischen MigrantInnen besser zu verstehen, so Göle. Auf der anderen Seite habe die Auseinandersetzung mit dem religiösen Unterschied - besonders sichtbar am dänischen Cartoon-Streit - zu einer wesentlichen Frage geführt: Fällt die humoristische Darstellung von Mohammed unter Blasphemie oder Meinungsfreiheit?

Was ist säkulärer Feminismus?

Der Diskurs werde gerade in einer globalisierten Welt besonders rasch beschleunigt, da er durch die große Medienpräsenz verstärkt auf emotionaler Ebene stattfinde. Die zentralen Fragen der SoziologInnen seien: "Können wir in Europa einen gemeinsamen Raum für alle schaffen?" oder "Was ist säkulärer Feminismus?" Das Schaffen eines neuen Bewusstseins innerhalb Europas im Zusammenleben mit MuslimInnen sei schwieriger, als in einem neu gegründeten Staat ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen. Es bringe eine gewisse Angst mit sich, sich einen Ort gemeinsam mit Menschen mit unterschiedlichen Werten zu teilen, so Göle. (APA)