Maria Rösslhumer (47) ist Politikwissenschafterin. Seit 1997 ist sie Geschäftsführerin des Vereins autonomer Frauenhäuser, seit 1999 auch Leiterin der Frauen-Helpline (Tel.: 0800/ 222 555)
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Standard: Der mutmaßliche fünffache Mörder hat eine Axt gekauft, ist nach zwei Morden von Wien nach Oberösterreich gefahren und nach weiteren drei Tötungen wieder zurück. Das wirkt geplant - ist das nicht ungewöhnlich?

Rösslhumer: Eher nicht. Solche Taten werden meist geplant - und mehr noch: Sie werden von den Gewalttätern meist auch angekündigt. So eine Explosion der Gewalt kommt nicht aus dem Nichts, sondern es gibt immer Anzeichen.

Standard: Welche?

Rösslhumer: In der Regel Drohungen, Ankündigungen, dass etwas Gefährliches passieren wird. Im Fall Amstetten etwa hat der mutmaßliche Täter Josef F. seiner im Keller eingesperrten Tochter angekündigt, dass sie sterben müssten, wenn sie versuchten, sich zu befreien. Das hat er ernst gemeint.

Standard: Wie erklären Sie sich im Fall des Fünffachmords die, wie Sie sagen, Explosion der Gewalt?

Rösslhumer: Diese steht meist am Ende einer langen Zeit des Schweigens, des Nicht-über-Gefühle-Redens. Viele Männer, vor allem solche, die im traditionellen Sinn "männlich" erzogen worden sind, können das nicht. Sie verheimlichen ihre Sorgen und Probleme. Da staut sich viel auf, und wenn dann noch etwas dazukommt - etwa finanzielle Schwierigkeiten, wie im aktuellen Fall -, geht alles in die Luft. Standard: Und dann kommt es zur Entladung der Affekte?

Rösslhumer: Nein, von Affekten möchte ich nicht reden. Zu einer Tat wie jetzt in Wien und Oberösterreich kommt es nicht plötzlich. Der Plan, einen Großteil seiner Angehörigen auszurotten, muss in dem mutmaßlichen Täter sozusagen gereift sein. Dafür spricht auch, dass er als Waffe eine Axt gewählt hat.

Standard: Warum das?

Rösslhumer: Weil ein Angriff mit der Axt ein bewusster Kraftakt ist. Eine Schusswaffe benutzt man vielleicht eher aus dem Affekt heraus, während man zu einer Axt vor der Tat eine Art Beziehung aufbauen muss.

Standard: Sie beschäftigen sich gründlich mit Täterpsychen und dem Verhältnis, das Männer zu Waffen pflegen. Gehört das zur Job-Description, wenn man mit misshandelten Frauen arbeitet?

Rösslhumer: Schon, weil es sonst unmöglich wäre, Frauen, die bei uns Zuflucht gesucht haben, rechtzeitig vor der Gefahr zu warnen, die sie erwartet, wenn sie nach Hause zurückkehren. Wir fragen gezielt, wie unberechenbar der Partner ist. Oder ob er mit noch mehr Gewalt droht. Dann ist die Lage - wie schon gesagt - ernst: Jeder aggressive Mann, der droht, ist ein potenziell gefährlicher Misshandler.

Standard: In vielen Medienberichten über den mutmaßlichen Fünffachmord ist jetzt von einer "unfassbaren" Gewalttat die Rede. Wie kommt Ihnen das vor?

Rösslhumer: Nicht neu. Fälle wie dieser sind spektakulär, aber in den Frauenhäusern sind wir täglich mit Übergriffen konfrontiert, die einen an den Kopf greifen lassen. Etwa wenn - was gar nicht so selten passiert - Männer Frauen nachts nicht schlafen lassen, um ihnen die Kraft zum Arbeiten zu nehmen und sie in größere Abhängigkeit zu bringen. Oder wenn Telefonleitungen gekappt werden, um der Frau jeden Kontakt nach draußen zu verunmöglichen.

Standard: Vor zwei Wochen der Fall Amstetten, jetzt der mutmaßliche Fünffachmord. Wird Österreich derzeit von einer Welle von Gewalttaten heimgesucht?

Rösslhumer: Ich würde das nicht auf ein österreichisches Problem reduzieren. Gewalt gegen Frauen und Kinder findet weltweit statt. Vielleicht aber haben sich bei uns traditionelle Geschlechterrollen etwas zäher gehalten. Also müssen wir weiter aufklären, vor allem in den Schulen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.5. 2008)