Es dauert, bis sich Medienberichte "gesetzt" haben. Bis man versteht, was einem durch die Art, wie berichtet wird, als Normalität vermittelt wird. Im Fall Amstetten wurde in einem Standard-Kommentar bereits darauf hingewiesen, dass die Deutungshoheit über den Fall von Anfang an bei Männern im Alter zwischen 40 und 60 lag. Und damit hat sich auch ein spezifischer Blick, eine Herangehensweise verfestigt, die mich betroffen macht, weil sie auch mich betrifft. Ich bin, wenn man so will, das Gegenteil von einem 40- bis 60-jährigen Mann: ich bin eine 30-jährige Frau mit zwei kleinen Kindern. Befinde mich damit also in der Kategorie "Junge Mutter".

Und schon erstrahlt vor dem geistigen Auge des Betrachters ein zarter Heiligenschein um mein Antlitz, der sich durch die der Mutter eigenen Aura aus Hingabe, Selbstlosigkeit, Aufopferung und grenzenloser Geduld bildet. Die Mutterliebe, ach, wie wird sie hochgehalten! Sehnen wir uns nicht alle ein wenig nach der Geborgenheit und Wärme, die allein die Mutterbrust, die Mutterhand, das Mutterherz zu schenken vermag?

Wenn von Müttern und Kindern die Rede ist, dann ist die - ausschließliche - Betonung der "Heiligkeit" der Mutterschaft das, was wir von 40- bis 60-jährigen Männern hören. Es scheint nämlich, dass man Elisabeth F. in Bezug auf ihre Kinder alle möglichen Verhaltensweisen zuschreibt, die man eben auch im Alltagsverständnis von einer Frau kraft ihres Mutterseins erwartet. Das Mutterbild, das hier sehr nachdrücklich gefestigt wird, macht mir Angst. Die Vorstellung scheint zu sein, dass Elisabeth F. - allein deshalb, weil sie "Mutter" wurde - den mit ihr gefangengehaltenen Kindern so etwas wie ein Anker der Normalität war: dass sie ihnen die Welt da draußen erklärt hat, ihnen das Weltwissen, das sie besaß, beigebracht hat, ihnen "Familie" war, sie wohl auch beschützt und begleitet hat. Wunderbar, ja in der Tat ein Wunder, wenn es denn so war - aber schrecklich, dass das unsere Erwartungshaltung ist.

Die jungen Mütter in meinem sozialen Umfeld haben einiges gemeinsam: Sie leben in gewaltfreien, respekt- und liebevollen Beziehungen, sie haben Kinder, weil sie zuvor einen Kinderwunsch hatten, der zeitliche Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Kind ist wohlüberlegt, beide Eltern teilen sich die Kinderpflege und Kinderbetreuung, während überdies ein weitläufiges, unterstützendes soziales Netz vorhanden ist.

Auch unter diesen Idealbedingungen gibt es harte Zeiten: ein Kind, oder beide Kinder, oder die Eltern und die Kinder werden krank. Die Schwiegermutter fällt aus. Mit dem Stillen klappt es nicht, das Kind schreit ohne ersichtlichen Grund, das Kind schläft nicht durch, das Schlafbedürfnis wird grenzenlos. Ein Tag ohne Spaziergang, ohne mit dem Kind draußen gewesen zu sein, und die Decke fällt einem auf den Kopf. Bis der Partner abends nach Hause kommt, dehnt sich jede Minute ins Unendliche aus, er wird bereits im Stiegenhaus empfangen, Kind in die Hand gedrückt, schlafen. Kein Geschrei mehr hören. Nicht reden, nicht stillen, nicht liebevoll sein müssen.

Man sollte von einer "freien" Frau da draußen nicht erwarten, dass sie mit einer (auch nicht immer so tollen) Geburt eines Kindes zur heiligen Weiblichkeit (in Form von Hingabe, Selbstlosigkeit, Aufopferung und grenzenloser Geduld) mutiert. Mutterschaft bringt ein ganz schön schweres Paket an Verzweiflung, Tränen, Wut, Hass und Aggressionen mit sich - auch unter "normalen" Umständen.

Die mediale Berichterstattung im Fall Amstetten übt einen sehr perfiden Druck auf Frauen aus: Wenn schon bei einer Mutter wider Willen und unter widrigsten Umständen unreflektiert ein "mütterliches" Verhalten vorausgesetzt wird - welch allumfassende Mütterlichkeit wird dann erst von mir erwartet?

Einen wahrhaften und aufrichtigeren gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Mütterlichkeit stelle ich mir so vor, dass ich als Mutter in einem Alltagsgespräch ganz selbstverständlich sagen könnte: "Ja, ich liebe meine Kinder. Und ja - es gibt auch Augenblicke, in denen ich sie hasse."

Eine Verknüpfung von Liebe und Hass tritt bei vielen engen und im wesentlichen liebevollen Beziehungen auf: im Verhältnis zu den eigenen Eltern, in Bezug auf den Lebenspartner, im Geschwisterverhältnis. Warum wird so ein Tabu aus negativen Muttergefühlen gemacht, dass sie nicht einmal mehr denkbar scheinen? (DER STANDARD, Print, 27.5.2008)