Mittels witziger Aktionen - im Bild ein Karton- Roboter mit eingebautem "green space take-away" - versuchen Studenten, Wiener in Sachen Grätzelverschönerung zu motivieren.

Foto: STANDARD/Hendrich

Wien - Sie bauen Stadtmöbel aus Bierkisten, sprühen Nachrichten auf Gehwege und lungern in leeren Geschäftslokalen herum: Seit zwei Wochen machen 40 Architekturstudenten aus vier Ländern Wien unsicher - genauer gesagt Otta-kring. Im Rahmen eines internationalen Workshops beschäftigen sich angehende Raumplaner mit den Themen Stadtviertelerneuerung, Freiraumschaffung und Bürgerbeteiligung.

Bevor die Studenten aus Paris, Straßburg, Karlsruhe und Bratislava den 16. Bezirk wieder Richtung Heimat verlassen, schwärmt man heute, Samstag, noch einmal gemeinsam aus. Ausgangspunkt sämtlicher Aktivitäten ist der Ragnarhof in der Grundsteingasse 12. Von dort aus versucht man, an verschiedenen Orten mittels origineller Performances die Wiener dazu zu motivieren, in Sachen Grätzelverschönerung selbst aktiv zu werden - beziehungsweise ihre diesbezüglichen Wünsche zu äußern.

O.t.t.O. wird auch dabei sein - ein aus einer Rodel, diversen Kartonagen und einem kleinen Fernseher zusammengeschustertes Gefährt, bei dem man sich mittels "message in a bottle" über unansehnliche Winkel im Viertel beschweren kann. Oder man leiht sich für ein spontanes Picknick am Straßenrand ein Stück Kunstrasen von ihm aus. O.t.t.O. steht dabei für "Operator to transform Ottakring".

"Es gibt wahrscheinlich keinen anderen Bereich, in dem so viele frustrierte Menschen arbeiten wie in der Stadtplanung", sagt Erich Raith, Professor an der TU Wien und Vortragender beim Workshop. Als junger Architekt müsse man sich sein Berufsfeld heute selbst schaffen, Bürgerbeteiligung spiele dabei eine wesentliche Rolle.

Dass Ottakring als Übungsfeld in Sachen Planer-Nutzer-Kommunikation herhalten muss, ist dabei kein Zufall: "Das Viertel kann für Städte wie Paris oder Straßburg als Modell dienen", sagt Bendicht Weber, Professor an der Universität für Architektur La-Villette in Paris. Zum einen sei der Umgang mit historischer Bausubstanz vorbildlich, zum anderen finde hier eine soziale und kulturelle Durchmischung statt. "In Paris geht es diesbezüglich in die Gegenrichtung." Zwar gebe es auch in Ottakring Konflikte "aber es gibt wenigstens Vielfalt".

Auch was die Zusammenarbeit zwischen Stadtteilbeauftragten und Anrainern betrifft, hat es den Workshop-Teilnehmern der Arbeiterbezirk am westlichen Stadtrand angetan. "In Karlsruhe gibt es zwar auch Gebietsbetreuungen, die Praxis dort sieht aber vergleichsweise traurig aus", sagt Architekt Dominik Neidlinger von der Uni Karlsruhe.

Nachdenken auch über die weniger schönen Seiten

Die künftigen Planer nehmen sich im Rahmen des Projekts aber auch die weniger schönen Seiten des Vorstadtbezirks vor - und beschäftigen sich zum Beispiel mit der Frage, wie man in einem so dicht bebauten Gebiet neue Freiräume schaffen kann, oder zerbrechen sich den Kopf darüber, wie tote Ecken wieder lebendig werden könnten.

Konkrete Konzepte werden bei dem vom EU-Studenten-Austauschprogramm Erasmus und der Stadt Wien finanzierten Projekt für Ottakring allerdings keine herausschauen: "Es geht mehr darum, durch Aktionen Denkanstöße zu liefern", sagt Volker Ziegler von der Uni Straßburg. "Der Workshop soll ein Ideengenerator sein."

Es arbeiten aber auch einige Wiener TU-Studenten mit. Zudem tauscht man sich regelmäßig mit der Gebietsbetreuung Ottakring aus. Die Chancen, dass nicht alles, was die Studenten in den letzten beiden Wochen an Hirnschmalz aufgewendet haben, spurlos an Ottakring vorbeigehen wird, stehen also nicht schlecht.  (Martina Stemmer; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.7.2008)