Die Regierung erlaubt Fischern wie Micky Jay nur noch tageweise den Lachsfang.

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Für den Lachs setzt Micky Jay alles auf eine Karte. Der kanadische Fischer packt im Hafen von Gibsons Lebensmittel auf sein Boot, denn am folgenden Tag will er sich auf den Weg in die nördlichen Gewässer der Provinz British Columbia machen. Er hofft, dass die Regierung in Ottawa für einige Tage den Fischern erlauben wird, dort oben Lachse zu fangen. "Vielleicht kriegen wir fünf Tage, aber wir wissen es noch nicht", sagt er.

Die kanadische Regierung hat die kommerzielle Fischerei drastisch eingeschränkt, weil die wilden Lachsbestände an Kanadas Westküste in den vergangenen Jahren dramatisch zurückgegangen sind. Experten bezweifeln, dass sie sich je wieder auf die früheren Bestände erholen werden.

In guten Jahren, bevor der Niedergang des Pazifik-Lachses begann, hat Jay im Schnitt jährlich bis zu 20.000 Exemplare gefangen. Vor wenigen Jahren, als die Fischerei während der ganzen Fangsaison nur 48 Stunden gestattet war, kam er mit elf Rotlachsen nach Hause.

Mangelware

Der wilde Pazifik-Lachs, den es einst im Überfluss gab, ist zu einer Mangelware geworden. Mit radikalen Maßnahmen will das Fischereiministerium die biologische und wirtschaftliche Katastrophe im Westen verhindern, die vor einigen Jahren mit dem Kabeljau im Osten Kanadas passierte. An der Ostküste wurden die früher unermesslich scheinenden Kabeljau-Bestände praktisch komplett zerstört. Von den frühen Achtzigerjahren bis zum Jahr 2001 ging die nördliche Kabeljau-Population wegen Überfischung um 99,9 Prozent zurück. Rund 40.000 Menschen verloren ihre Arbeit.

Noch 1979 stammten 15 Prozent der weltweiten Lachs-Ernte aus British Columbia, 1999 war es nur noch ein Prozent. Im vergangenen Jahr wurden lediglich 19.953 Tonnen Lachs gefangen. Vor zwanzig Jahren waren es noch 113.000 Tonnen gewesen, also fast sechsmal mehr.

Schlamassel

Die Behörden bitten mittlerweile sogar die Indianer, das Lachsfischen einzuschränken, sagt der Abgeordnete Robin Austin von der linken NDP: "Das bedeutet, dass wir wirklich im Schlamassel stecken." Die Indianer brauchen den Lachs nicht nur als Nahrungsmittel. Er spielt in ihrer Kultur eine zentrale Rolle.

Die Situation hat sich so verschlimmert, dass die USA den Kanadiern 30 Millionen Dollar zahlt, damit Kanada die Lachsbestände besser schützen kann. Die Regierung in Ottawa soll mit dem Geld noch mehr Lizenzen von Fischern zurückkaufen, ein Prozess, der bereits im Gang ist. Das US-Fischereiministerium hat die kommerzielle und Hobbyfischerei etwa für den Königslachs bereits völlig stillgelegt.

Es gibt eine Reihe von Gründen für den Niedergang des Pazifik-Lachses. Das Abholzen von Wäl-dern, der Bergbau und die Ausdehnung von Siedlungen haben die Flüsse, wo die Lachse laichen, und deren Umgebung verschmutzt und zerstört. Zudem haben sich die durchschnittlichen Wassertemperaturen wegen der globalen Erwärmung um rund ein bis zwei Grad erhöht. Lachse ertragen warmes Wasser schlecht, es stresst sie, und warmes Wasser enthält weniger Nahrung.

Bedrohung durch Aufzuchtanlagen

Eine Bedrohung bilden auch die rund 125 Aufzuchtanlagen von Atlantik-Lachsen vor der Küste von British Columbia. Aus ihnen gelangen Abfälle, Chemikalien und tödliche Parasiten ins Wasser, in dem wilde Pazifik-Lachse leben.

Mit der kommerziellen Lachsfischerei im Pazifik, wie Kanada sie früher gekannt habe, sei es vorbei, sagt Robin Austin: "Wir müssen alle zusammenarbeiten, um den einheimischen Lachs zu retten." (Bernadette Calonego aus Vancouver, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.7.2008)