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Foto: REUTERS/David Gray

Selbstzweifel und Kontrollverlust, verbunden mit Scham und Schuldgefühlen: So könnte man den Kreislauf beschreiben, in dem Menschen mit Bulimie gefangen sind. Symptomatisch für diese Erkrankung sind Essanfälle - von ein- bis zweimal pro Woche bis zu vielen Malen am Tag und in der Nacht.

Unvorstellbar große Mengen Nahrung

Die Betroffenen schlingen dabei unvorstellbar große Mengen an Nahrungsmitteln in sich hinein, meist all jene Dinge, die sie sich sonst verbieten. Anschließend setzen sie Maßnahmen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern - dazu zählen selbst herbeigeführtes Erbrechen, Abführ- mittel oder extreme sportliche Betätigung.

Am Beginn steht häufig eine Diät

Am Beginn der meisten Bulimieerkrankungen - 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen - steht eine Diät. Es ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, die Jugendliche die Nahrungsaufnahme einschränken lässt. Die Folge: Heißhungerattacken. Meist durch Zufall entdecken Betroffene dann die "Methode Erbrechen", um den Essanfall ungeschehen zu machen.

Schleichende Eigendynamik

"Die anfänglich unregelmäßigen Essanfälle und das sporadisch eingesetzte Erbrechen entwickeln schleichend eine Eigendynamik, bis die Betroffenen es schließlich als unkontrollierbaren Zwang erleben", erklärt Rahel Jahoda, Psychotherapeutin bei "intakt", einem auf Essstörungen spezialisierten Therapiezentrum in Wien. Oft wird Essen und Erbrechen zu einem Ritual, nicht wenige Experten betrachten Bulimie als Suchterkrankung.

Schuldgefühle - verheimlichen der Krankheit

Nach den Essattacken setzen Schuldgefühle ein. "Die Betroffenen schämen sich für ihre Zügellosigkeit und ekeln sich vor sich selbst. Deshalb verheimlichen sie ihre Krankheit lange", erklärt Jahoda. Und da sie meist normalgewichtig sind, gelingt das auch gut. Doch innerlich ist ihr Leben von Essen, Nichtessen, der Beschaffung und Finanzierung riesiger Nahrungsmittelmengen bestimmt. Kleinste Gewichtsschwankungen können totale Stimmungsschwankungen auslösen.

Lebensbedrohlich

Dazu kommt körperliche Erschöpfung. Je länger die Krankheit dauert, desto stärker kommt es durch häufiges Erbrechen bzw. Durchfall zu Schwankungen im Elektrolythaushalt des Körpers, Verdauungs- und Darmtätigkeit funktionieren nicht mehr, es kann zu einer Störung des Herz-Kreislauf-Systems kommen, und die Magensäure greift den Zahnschmelz an.

Ursache: Seelische Verletzung

Jahoda sieht Fasten oder Schönheitsideale aber nicht als Ursache, sondern als Auslöser der Erkrankung. "Bulimiepatienten haben meist irgendwann seelische Verletzungen erlebt", sagt sie und nennt Missachten der körperlichen oder psychischen Integrität eines Kindes, aber auch Vernachlässigung als Ursachen.

Individuelle therapeutische Unterstützung

Warum allerdings manche Menschen eine Essstörung entwickeln und andere nicht, sei nicht bekannt, schränkt Jahoda ein und ist überzeugt, dass stets eine ganze Reihe verschiedener Faktoren zusammenkommen muss. Dementsprechend individuell sollte dann auch die therapeutische Unterstützung geplant werden.

Schlecht entwickeltes Selbstwertgefühl

Doch Gemeinsamkeiten zwischen den betroffenen Personen lassen sich schon finden. "Bulimikerinnen leiden unter einem schlecht entwickelten Selbstwertgefühl", sagt die Therapeutin. Da ihre Ansprüche an sich selbst stets völlig überzogen seien, könnten sie diesen auch niemals gerecht werden. Diese Diskrepanz erleben sie wiederum als Versagen, gekoppelt mit der Angst, in den Augen der anderen nichts mehr wert zu sein, wenn diese ihre Unzulänglichkeiten und ihr "wahres" und unperfektes Ich erkennen.