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Umberto Bossi holt gern zu großen Worten und Gesten aus.

Foto: AP/Luca Bruno)

In Italien sorgen neue Eskapaden des Lega-Nord-Chefs Umberto Bossi für Aufregung. Der Minister für Reformen im Kabinett Berlusconi attackierte die italienische Hymne und begleitete seinen rüden Exkurs mit erhobenem Stinkefinger. Auf einer Parteiversammlung in Padua appellierte er an die Lega-Anhänger, gegen "diesen faschistischen Staat zu kämpfen" . Die "zentralistische Kanaille" müsse niedergerungen werden. "Dafür stehen uns 15 Millionen Männer zur Verfügung" , rief Bossi unter dem Jubel des Lega-Fußvolks am Wochenende bei einer Parteiveranstaltung in Padua.
Dann startete der Minister eine scharfe Attacke gegen "die Unterwanderung padanischer Schulen durch süditalienische Lehrer" : "Wir können es nicht weiter dulden, dass unsere Kinder von ihnen gemartert werden." Bossi spielte damit auf seinen Sohn Renzo an, der zuletzt die Matura nicht bestanden habe, weil er eine Arbeit über den Philosophen und föderalistischen Vordenker Carlo Cattaneo vorgelegt habe. Das vom Parteichef getadelte Gymnasium wies den Vorwurf postwendend zurück. Renzo Bossi habe in allen Fächern ungenügende Leistungen erbracht. In der Prüfungskommission sei kein einziger Süditaliener vertreten gewesen. Ironie am Rande: Bossis Ehefrau ist eine aus Sizilien stammende Lehrerin.


Die verbalen Entgleisungen des Lega-Nord-Chefs stießen im römischen Parlament auf scharfe Kritik. Verteidigungsminister Ignazio La Russa forderte eine offizielle Entschuldigung. Kammerpräsident Gianfranco Fini (beide von der postfaschistischen Alleanza Nazionale) erregte sich: Niemand - schon gar nicht ein Minister - dürfe das Nationalgefühl der Italiener verletzten. Auch Staatspräsident Giorgio Napolitano zeigte sich schwer irritiert.
Die Oppositionspartei des frühereren Antikorruptionsermittlers Antonio Di Pietro, "Italien der Werte" (Italia dei Valori, IDV), will im Parlament einen Misstrauensantrag gegen Bossi einreichen. "Sein Verhalten ist ein Affront, vor allem weil er ein Minister der Republik ist und daher den Staat von Bozen bis Catania repräsentieren sollte" , erklärte die IDV-Parlamentarierin Silvana Mura empört.


Die Proteste ließen Bossi kalt. Während im Sitzungssaal die Abgeordnete Alessandra Mussolini entrüstet die italienische Hymne abspielte, verzehrte der angegriffene Minister im Vorraum vergnügt eine Schinkensemmel.

An Rücktritt denke er "nicht im Entferntesten" , beschied Bossi fragende Journalisten. Lega-Fraktionschef Robert Cota legte im Verlauf der Diskussion noch ein Scheit nach. "Die Menschen haben es satt, als Sklaven eines veralteten und ausgabenfreudigen Zentralstaats zu leben."


"Schmierenkomödie"


Oppositionsführer Walter Veltroni forderte Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf, sich von Bossis Worten zu distanzieren. Der Regierungschef reagierte mit einem Angriff auf den Partito Democratico, der "nicht dialogfähig" sei, und versicherte Bossi sein volles Vertrauen.
Die Tageszeitung La Stampa titelte resigniert: "Eine Schmierenkomödie" . (mu/DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2008)