Eine estnische Firma hat ein System entwickelt, mit dem die Bewegungen von Touristen nachgezeichnet und statistisch erfasst werden können. Als Basis dienen über 30 Millionen registrierte Daten von in Estland verwendeten ausländischen Sim-Karten, die die Firma Positium LBS vom größten estnischen Handy-Betreiber, EMT, angekauft hat. Das System richtet sich vor allem an Tourismus-Gemeinden und Regionen, die damit ihr Tourismus-Angebote optimieren könnten.

Die Firma arbeitet in diesem Zusammenhang auch mit Experten in anderen Ländern zusammen. Laut Positium-Geschäftsführer Margus Tiru hat es bereits einen Testlauf in Finnland gegeben, bei dem die Handydaten von deutschen und russischen Betreibern erfasst wurden. Kontakte gibt es auch nach Österreich, unter anderem mit Georg Gartner, Professor für Kartographie und Geo-Medientechnik an der TU-Wien.

Gartner bezeichnete das estnische Projekt gegenüber der APA als "sehr interessant". Durch das System könne man erstmals feststellen, wo und wie lange sich Touristen in einem Land aufhalten. Neben dem Tourismus könnte das System laut Gartner auch etwa in der Verkehrsplanung - zum Beispiel für differenzierte Messung von Verkehrsaufkommen verwendet werden.

Laut einem der Gründer von Positium LBS, dem Geographieprofessor Rein Ahas von der Universität Tartu, wird derzeit auch die Durchführung eines gemeinsamen Projekts mit der Forschungsgesellschaft des Landes Salzburg, Salzburg Research, geprüft.

Nähere Angaben dazu wollten weder Ahas noch Karl Rehrl von Salzburg Research machen. Rehrl zufolge wurde lediglich ein Projektvorschlag eingereicht. Mitte August soll sich entscheiden, ob das Projekt tatsächlich realisiert werden kann.

In Österreich und in den meisten Teilen Westeuropas sehen sowohl Rehrl als auch Gartner wegen der gesetzlichen Datenschutzregelungen derzeit wenig Chancen für den Aufbau einer ähnlich umfassenden Datenbank mit Handy-Ortungen wie jene, über die die estnische Firma verfügt. Anders als in Estland sei es in Österreich gar nicht möglich, die Daten von den Mobilfunkanbietern zu erhalten.

Die Gefahr eines Datenmissbrauchs durch das "Tourismusbarometer" sehen weder die estnischen Entwickler noch TU-Professor Gartner. Seitens des Handynetzbetreibers EMT wird versichert, die Daten umfassten lediglich die Antennenposition einer im Betrieb befindlichen Sim-Karte, die Zeit der Lokalisierung sowie das Land, aus dem die Sim-Karte stamme.

Ein derartiges statistisches Erfassungssystem werde erst dann gefährlich, wenn man von den gesammelten Daten auf das Verhalten individueller Person schließen kann, so Gartner. Er verwies dabei auf ein Ortungssystem in der Ukraine, mit dem Eltern den Standort ihrer Kinder überwachen können. Dies sei jedenfalls problematisch. Aufgrund der Anonymität der Daten sei so etwas bei dem estnischen Projekt aber nicht möglich. (APA)