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Peter Grünberg war von den hohen Lizenzbeträgen, die die Industrie für sein Patent zahlte, überrascht.

Foto: APA/EPA/Fredrik Von Erichsen

STANDARD: Lag es für Sie als Sohn eines in der Lokomotivindustrie arbeitenden Ingenieurs nahe, Physik zu studieren? Warum gingen Sie 1962, zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders, als Sie damit begannen, nicht gleich in die Anwendung?

Grünberg: Ein abgeschlossenes naturwissenschaftliches Studium wäre ja eine ideale Basis für eine Karriere in der Industrie. Aber daran dachte ich in jungen Jahren kaum. Ich fand Physik spannend, seit ich im Schulatlas die elliptischen Bahnen der Planeten sah. Ich dachte mir damals: "Wie kommt das denn? Warum bewegen sich die Planeten auf solchen Bahnen um die Sonne?" Der Lehrer machte mir dann klar, dass es die Balance zwischen Gravitation und Fliehkraft ist. Die Erkenntnis war für mich der Auslöser. Als Kind wollte ich ja eigentlich Förster - und später sogar Baumeister werden. Bei der Physik ist es halt geblieben, keine so schlechte Wahl, denke ich.

STANDARD: Immerhin hat Sie das ein Vierteljahrhundert später zur Entdeckung des Riesenmagnetwiderstandes, der Basis für die Entwicklung von Festplatten mit riesigen Speicherplätzen gebracht. Was hat sie damals bewogen, ausgerechnet in diesem Bereich zu arbeiten?

Grünberg: Ich sehe mich in erster Linie als Grundlagenforscher, hatte aber immer die Antennen ausgefahren, wenn es um Anwendungsmöglichkeiten ging. So auch damals. Wir hatten bereits Kopplungsexperimente durchgeführt, die uns ahnen ließen, was möglich ist. Wir waren auf Konferenzen, wo über einen anderen, den sogenannten anisotropen Magnetowiderstandseffekt diskutiert wurde - für Festplatten. Da lag etwas in der Luft. Unseren neuen Effekt konnten wir sofort vergleichen und erkannten, dass er sehr viel stärker ist. Ich habe mir dabei schon gedacht, dass die Entdeckung interessant ist für die Anwendung - wir haben ja auch gleich ein Patent angemeldet. Dass es aber so einen Widerhall geben würde, hab ich mir nicht träumen lassen. Die große Resonanz hat mich damals überwältigt. Die Industrie zahlte hohe Lizenzbeträge an das Forschungszentrum Jülich. Ehrlich, damals hätte ich mir das nie erwartet. Aus heutiger Sicht ist es natürlich logisch.

STANDARD: War der Nobelpreis für Sie dann eine Überraschung? Was haben Sie gedacht, als es fix war?

Grünberg: Nicht wirklich. Ich war ja eine Zeitlang schon im Gespräch, aber als es dann bekanntgegeben wurde, war ich erschrocken.

STANDARD: Wieso denn das?

Grünberg: Ich hatte mir schon ausgemalt, was da auf mich zukommt. Ich konnte ja den Rummel bei anderen Nobelpreisträgern beobachten, das hat mich sehr beunruhigt. Es ist dann nicht so schlimm gekommen, wie ich es befürchtet habe. Ich bin wohl eher scheu, halte nichts von großen Auftritten in der Öffentlichkeit. Mir ist es lieber, mich mit einem Buch und einem Thema zurückzuziehen. Wenn ich allerdings dann etwas verstanden habe und jemandem mitteilen kann, dann mach ich das auch gerne.

STANDARD: Hat es Sie deswegen nie gereizt, in die Industrieforschung zu gehen, wo ein zurückgezogenes Arbeiten ja nicht wirklich möglich ist?

Grünberg: Es stimmt, dass es mich nie gereizt hat. Ich bin immer Grundlagenforscher geblieben und als solcher auch dem Zentrum in Jülich immer verbunden gewesen. Die Gründe waren: zum einen die Möglichkeiten, die man mir hier gab, und zum anderen meine unstillbare Neugier. Ich beschäftige mich heute mehr denn je mit Fragen der Grundlagenforschung. Die Quantenphysik zum Beispiel und die aktuelle Forschung zur quantenmechanischen Verschränkung. Oder die Chiralität, die Brechung der Symmetrie durch einen bestimmten Drehsinn. Den hat man zum Beispiel in der Biologie sehr häufig. Lianen wachsen in einem bestimmten Drehsinn einen Baumstamm nach oben. Solche Chiralitäten kommen in der Physik und im Magnetismus oft vor.

STANDARD: Sind Sie da in Forschungsprojekte involviert?

Grünberg: Nein, ich halte Vorträge darüber. Es geht mir schon darum, nicht immer nur über den Riesenmagnetwiderstand zu sprechen - auch um es für mich interessanter zu gestalten. Ich möchte nicht immer den gleichen Vortrag halten. Neue Themen reizen mich - ich kann das aber, wie etwa bei der Chiralität, auch mit meinem ureigensten Thema, dem Magnetismus, verknüpfen. Ich halte etwa einen Vortrag pro Woche, in Deutschland, in den USA, auch in Japan war ich schon ...

STANDARD: Und demnächst sind Sie in Österreich. Bei den Technologiegesprächen in Alpbach sprechen Sie in der Session "Zukunft der Wissenschaft". Wo liegt denn die Zukunft der Physik, welchen Herausforderungen muss sich die Physik stellen?

Grünberg: Wenn die Ressourcen der fossilen Brennstoffe erschöpft sind, sollte es bereits gleichwertige Alternativen geben. Da kann die Festkörperphysik einen nicht zu unterschätzenden Beitrag leisten - zum Beispiel durch die Entwicklung von neuen Materialien mit besonderen Eigenschaften. So wurden ja schon leistungsfähigere Batterien möglich gemacht. Das ist mittlerweile ein ungeheurer Wettlauf geworden. Aber der Wissenschaft bleibt da nichts anderes übrig, als diese Herausforderung anzunehmen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2008)