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Ex-Premier Blar (rechts) geht mit seinem Nachfolger hart ins Gericht: Brown habe "Arroganz und Ideenlosigkeit" generiert und es versäumt, eine politische Agenda für die Zukunft aufzuzeigen.

Foto: Shaun Curry-Pool/Getty Images

Sommerpause hin, Theaterferien her: In London spielt sich zurzeit außerplanmäßig ein Königsdrama ab. Die Messer werden gewetzt, und wer soll das Opfer sein? Kein Geringerer als der Premierminister. Gordon Brown, der glücklose Chef der Labour-Partei, muss um sein Amt fürchten, nachdem Außenminister David Miliband in einem Beitrag für den linksliberalen Guardian zu einer "radikalen neuen Phase" für Labour aufrief - ohne ein einziges Mal Gordon Brown zu erwähnen. Was gar nicht anders gelesen werden konnte als Milibands höchstpersönliche Bewerbung um den Chefposten.

Labour steckt in der tiefsten Krise, seitdem Parteiführer Michael Foot in den 1970er-Jahren mit einem Wahlprogramm antrat, das als "der längste Abschiedsbrief der Geschichte" bezeichnet wurde. Mehr als 20 Prozentpunkte liegt die Partei hinter den Konservativen zurück, und das Desaster wird vor allem einem Mann zur Last gelegt: Gordon Brown. Am Sonntag sickerte ein Memorandum seines Vorgängers Tony Blair durch. Es beschuldigte Brown einer "beklagenswerten Vermischung von Taktik und Strategie" . Der Nachfolger habe den fatalen Fehler begangen, die Blair-Agenda begraben zu wollen, "ohne etwas anderes an ihre Stelle zu setzen" . Das Memo wurde ohne Billigung Blairs veröffentlicht, der Brown offiziell immer noch "100-prozentig" unterstützt.

"Bürgerkrieg" in London

Der frühere Kabinettsminister Stephen Byers schlug am Sonntag in die gleiche Kerbe, als er "eine mutige und ambitionierte Politik" einforderte, um Labour aus dem Loch zu helfen. "Der Bürgerkrieg" , urteilte die Sonntagszeitung Observer, "ist in vollem Gange."

Am Montag wurde bekannt, dass weitere Parteigranden wie Ex-Innenminister Charles Clarke oder der Ex-Gesundheitsminister Alan Milburn eine konzertierte Aktion planen: Sie wollen in den nächsten Wochen eine Reihe von schon in der Schublade bereitliegenden politischen Initiativen vorstellen, um "das politische Vakuum" der Brown'schen Führung herauszufordern. Diese Interventionen vom blairistischen Flügel sind eine klare Parteinahme für den Vorstoß von Außenminister Miliband.

Der 43-jährige Jungstar der Partei, der brillanten Verstand (Spitzname: "Brains" ) mit telegenem Auftreten zu verbinden weiß, gilt als die beste Chance für Labour, dem gleichfalls charismatischen Chef der Konservativen, David Cameron, Paroli bieten zu können. Hunderte von Labour-Abgeordneten müssen sich jetzt mit der Idee des Königsmords anfreunden, weil es für sie bei der nächsten Wahl ums politische Überleben geht.

Allerdings sind die Kalkulationen kompliziert. Sollte Miliband Brown ablösen, wird man kaum um vorgezogene Wahlen herumkommen. Schon Brown kam nur durch parteiinterne Akklamation ins Amt. Ein neuerlicher Wechsel müsste vom Wähler bestätigt werden. (Jochen Wittmann aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 5.8.2008)