Spätestens im Dezember 2006 hätten alle Kenner des Finanz- und Währungssystems über das unmittelbare Bevorstehen einer dramatischen Weltwirtschaftskrise Bescheid wissen müssen. Zu diesem Zeitpunkt hat die US-amerikanische Zentralbank FED die Einstellung der regelmäßigen Bekanntgabe der aktuellen Daten des Geldmengenaggregates M3 angekündigt. Die Entscheidung, der Öffentlichkeit Informationen über die Entwicklung dieser zentralen geldpolitischen Kenngröße künftig vorzuenthalten, war gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, auf die Entwicklung der Geldmenge und damit auf die Bedingungen des gesamten monetären Sektors keinen bestimmenden Einfluss mehr nehmen zu können.

In der Tat hatten sich die Geldmengen aller großen Währungsräume dieser Welt zu diesem Zeitpunkt bereits längst in einer Größenordnung verselbständigt, die alle Zentralbanken und sonstigen geldpolitischen Instanzen aus der kausalen Dimension einer Bewirtschaftung des Geldwesens hinauskatapultiert hatte.

Aber die „bösen Spekulanten" sind nicht die Ursache der Misere, sondern bestenfalls ihr Transportmittel. Jahrzehntelang haben die Zentralbanken - auch solche, deren Chefs vollmundig mit monetaristischen Floskeln hausieren gegangen sind - eine verantwortungslose „Politik des billigen Geldes" betrieben, indem sie den Geldzins unter jenen „natürlichen Kapitalzins" gedrückt haben, der aufgrund des verfügbaren Sparaufkommens wirkmächtig gewesen wäre. Sie haben damit begonnen, das Geldangebot ungebührlich auszudehnen und Investitionen zu induzieren, die nur aufgrund des unnatürlich niedrigen Zinses rentabel sein konnten. Doch ab einer gewissen Tiefe und Breite der Märkte der „geldverarbeitenden Industrie" (Trader, Finanzintermediäre, Derivatproduzenten) wurde das Geldmengenwachstum immer mehr nachfragebestimmt.
So kommt es, dass wir etwa im Euro-Raum jüngst jährliche Geldmengenzuwächse von 11-12 % verzeichneten, während das Sozialprodukt um spärliche 2-3 % wuchs.

Diese Horrorrelation hätte bei allen Verantwortlichen seit langem die Alarmglocken läuten lassen müssen, schaffte es doch die EZB grundsätzlich niemals, ihre eigenen Geldmengenziele zu erreichen. Stattdessen freuten sich Wirtschaftspolitiker und Anleger aller Länder über Monsterzuwächse der Kapitalmarkterträge und Rekordgewinne der Banken und der ihnen vorgelagerten Firmen.

Die heutige Krise ist - entgegen allgemeiner Sedierungspropaganda - keine Liquiditätskrise. Sie ist auch nichts weniger als eine Krise der Marktwirtschaft oder des „Neoliberalismus", wie uns all jene, die schon immer gegen „Raubtierkapitalismus", und „Profitwirtschaft" gewettert haben, weismachen wollen. Sie ist vielmehr eine „monetäre Überinvestitionskrise" im Sinne einiger großer, aber oft verächtlich gemachter Ökonomen - von Wicksell über Mises bis Hayek. Besonders Hayek hat gezeigt (und dafür den Nobelpreis erhalten), dass die Ausdehnung des Kreditangebotes über das Sparangebot eine „Verlängerung der Produktionsumwege", d.h. eine Vergrößerung der Zahl der Produktionsgütervorstufen gegenüber der Konsumgüterproduktion veranlasst: Der Produktionsprozess wird zunächst kapitalintensiver und verändert die Struktur der Realwirtschaft. Doch jede Rentabilitätsverschlechterung der fehlgeleiteten Investitionen löst die Kontraktion der „Geldblase" aus, wachsende Disproportionalitäten zwischen Investitions- und Konsumgüterproduktion sind unausbleiblich. Die Folgen: Das Realeinkommen der Konsumenten sinkt, Inflation und Arbeitslosigkeit verdichten sich zu einer Depression.

Die Maßnahmenpakete, deren sich die Staaten und ihre Politiker derzeit rühmen, die ins Wanken geratene Finanzwirtschaft zu retten, sind günstigstenfalls geeignet, dieses Geschehen um kurze Zeit hinauszuschieben. Tatsächlich aber werden durch die in den letzten Tagen beschlossenen Finanzspritzen, staatlichen Garantien und Übernahmsankündigungen sowie die betriebenen Zinssenkungen die destruktiven Kräfte verstärkt, indem man die Geldmenge weiter erhöht statt sie zu reduzieren. Insofern muss es nachgerade als Perversion bezeichnet werden, wenn angesichts der Tatsache, dass die sogenannten Hilfspakete mit Blickpunkt auf eine (Teil-)Verstaatlichung von Banken installiert werden und einen massiven Konzentrationsprozess fördern, nach politischer „Reglementierung der Finanzströme" und nach Vergrößerung des Staatseinflusses insgesamt gerufen wird: Der Staat selbst ist die Krise. Dass die Profiteure und Promotoren der metastatischen Geldexpansion smarte Yuppie-Banker und hedonistische Finanzjongleure waren und sind, ändert nichts daran.

Den „entfesselten Kapitalismus" durch eine Renaissance der Lehren des John Maynard Keynes bändigen zu wollen, wie das neulich an dieser Stelle Christian Felber (7. 10.) gefordert hat, bedeutet daher nichts anderes als den Brandstifter zum Löschmeister zu machen. Lord Keynes hat es geschafft, die moralisch zerstörerische Doktrin durchzusetzen, wonach praktisch beliebig geschaffenes Kreditgeld und das Resultat privater Ersparnisse ökonomisch keinen Unterschied machen würden. Er hat damit die ideologische Basis für eine Dandy-Ökonomie geschaffen, in der die wertschöpfenden Produzenten - Unternehmer wie Arbeitnehmer - zu ausgebeuteten Sklaven der Geldemittenten wurden.

Wir brauchen keine Haltet-den-Dieb-Hysterie zur Verstärkung antiliberaler Kräfte. Was wirklich nottut, ist eine radikale Neukonstruktion des monetären Nervensystems der Weltwirtschaft zur Hervorbringung eines qualitätsvollen Geldes, dessen Preissignale uns als Leistungsträger sagen, „was wir tun müssen, damit wir anderen Menschen dienen, die wir gar nicht kennen und von deren Existenz wir nichts wissen" (Hayek). Welche politische Kraft widmet sich diesem Projekt einer wahrhaft sozialen Revolution? (Christian Zeitz/ DER STANDARD Printausgabe, 23.10.2008)