Kaum zu glauben: Österreich hat einen handfesten politischen Skandal - und merkt es nicht.

Er begann damit, dass Herr Strache, dem Rat eines Freundes der nationalistisch orientierten Serben in Wien folgend, den Wahlkampf kurzzeitig nach Serbien verlegte - und prompt mit den Stimmen eben dieser neu-österreichischen Doppel-Patrioten für seine FPÖ belohnt wurde. Nur wenig war in den Medien dazu zu hören, zu sehen und zu lesen - obgleich diese Visite alle (wiewohl unsichtbaren) Regeln politischen Anstands verletzten.

Denn es galt nicht etwa, Anhänger einer befreundeten mehr oder weniger rechtsradikaler Gruppierung in einem Nicht-EU-Land aufzusuchen und Unterstützung für eben jene EU-skeptische Politik im Rahmen eines EU-Staates wie Österreich zu akquirieren - vielmehr sind die "Freunde" dort bekanntlich nicht nur aus ihren eigenen Erfahrungen heraus radikale Gegner der Europäischen Union, sondern vor allem als unverbesserliche und fanatische Anhänger jenes radikal-nationalistischen Flügels in Serbien, der den Krieg in Bosnien nicht als solchen anerkennt. Wahr sei vielmehr nach Ansicht der Führer und Parteigänger dieser Fraktion, dass es sich dabei bloß um eine von anti-serbischen Motiven geleitete Verleumdung des Westens handle. (Dass es auch ein ganz anders denkendes Serbien gibt, passte nicht in das politisch-opportunistische Konzept des österreichischen Besuches.) In diesen Kreisen meint man daher auch, dass Mladiæ, Karadziæ und Seselj unschuldig seien und das Tribunal in Den Haag in erster Linie die Aufgabe habe, Serben und Serbien zu vernichten .

Nun ist zwar - trotz allem - nicht anzunehmen, dass diese Einstufung der genannten Kriegsverbrecher in Österreich generell oder von seinen führenden Politikern geteilt wird. Eben deshalb aber wäre zu erwarten gewesen, dass es hier angesichts dieser skrupel- und schamlosen Anbiederung der FPÖ an die Exponenten einer serbischen Un-Kultur - gewissermaßen als Vertreter Österreichs - einen Aufschrei der Empörung geben hätte müssen. Aber nein, offenbar "schämte" man sich so sehr, dass man lieber den Mantel des Schweigens über die Affäre ausbreitete. Das ist die zweite Phase des Skandals.

Die dritte Phase aber - als logische Folge der zweiten - kommt jetzt ins Spiel: Der bloße Gedanke daran, mit diesem Herrn Strache auch nur in irgendeiner Form im Rahmen einer neuen Regierung zusammenzuarbeiten, muss alle Alarmglocken läuten lassen. Hört sie jemand? (Christine von Kohl/DER STANDARD-Printausgabe, 24. Oktober 2008)